NIV — Therapie der ersten Wahl
Nicht-invasive Beatmung (NIV) ist bei AECOPD mit respiratorischer Azidose (pH < 7,35 und pCO₂ ↑) trotz optimaler medikamentöser Therapie Mittel der ersten Wahl — sie senkt Intubationsrate und Mortalität.
Starke EmpfehlungS3 Invasive Beatmung 2025 · E8
Bei akutem hyperkapnischen Versagen aufgrund einer schweren COPD-Exazerbation mit pH < 7,35 soll ein Therapieversuch mit NIV durchgeführt werden.
- Absolute Reduktion der Sterblichkeit um ~8 % (18,3 % → 9,9 %) gegenüber Standardtherapie.
- Absolute Reduktion der Intubationsrate um ~22 % (34,1 % → 12,3 %).
Abzugrenzen: Die Empfehlung gilt für die AECOPD — nicht für Asthma bronchiale oder andere Obstruktionen (dort nur schwache/offene Empfehlungen). Für HFNO bei hyperkapnischem Versagen gibt die Leitlinie mangels Evidenz keine gesonderte Empfehlung.
NIV-Einstellung (Orientierung)
- Modus: ST / BiPAP mit Backup-Frequenz.
- IPAP / Druckunterstützung: initial ~ 8–12 cmH₂O, schrittweise nach Tidalvolumen und pCO₂ steigern.
- EPAP / PEEP: ~ 4–5 cmH₂O.
- FiO₂: so titrieren, dass SpO₂ 88–92 %.
- Gute Maskenanpassung, Leckage minimieren; Patient anleiten/begleiten.
Verlaufskontrolle: BGA nach ca. 1(–2) h — der pH-/pCO₂-Trend entscheidet. Keine Besserung, zunehmende Erschöpfung oder Vigilanzminderung → Intubation erwägen.
Masken-Totraum & Volumen
Zwischen Patient und Ausatemventil liegt bei NIV ein zusätzliches Volumen (Maskeninnenraum + Schlauch) — der apparative bzw. Masken-Totraum. Er muss „überbrückt" werden: Das am Gerät erforderliche Tidalvolumen (VTE) ist bei NIV daher meist höher als bei invasiver Beatmung, um dasselbe effektive (alveoläre) Volumen zu erreichen — wo beim Tubus z. B. ~400 ml genügen, ist bei Maske ein Aufschlag nötig.
- Wie viel mehr, hängt vom Maskentyp ab: nasal < oronasal (Full-Face) < Total-Face (mehr Innenvolumen).
- Vented-Masken mit Ausatemöffnung/Bias-Flow spülen einen Teil des CO₂ wieder aus → effektiver Totraum kleiner als das reine Innenvolumen.
- Leckage ist in der Praxis oft der größere „Volumenfresser" als der Totraum selbst.
Deshalb nicht auf einen festen VTE-Wert einstellen, sondern nach Wirkung titrieren: Thoraxexkursion, VTE-Trend, pCO₂/pH und Komfort. Der genaue „Aufschlag" ist kein fixer Wert, sondern individuell (Maske, Sitz, Leckage). Bezug: Totraumventilation → Beatmung.
Toleranz & Compliance
NIV gelingt nur bei guter Mitarbeit — kritisch kranke, lufthungrige Patient:innen sind oft unruhig und maskenintolerant. Neben ruhiger Anleitung, gutem Maskensitz und schrittweisem Druckaufbau kann die Dyspnoe-/Angstkomponente gezielt gelindert werden. Bewährt haben sich kleine, titrierte Morphin-Boli.
Morphin1 mg/ml
Opioid · Dyspnoe-/Toleranzlinderung
10 mg + 9 ml NaCl
→ 1 mg/ml
!Vorbereitung und Dosierung›
Zubereitung: 1 Amp. Morphin 10 mg/1 ml + 9 ml NaCl 0,9 % auf 10 ml → 1 mg/ml (entspricht der Hausstandard-Konzentration). Vor Gabe Konzentration abgleichen.
Dosierung (Dyspnoe/Toleranz bei NIV): kleine Boli, langsam i.v., titriert nach Wirkung (Dyspnoe, Atemfrequenz, Toleranz) — Richtwert z. B. ~1–2 mg, Wiederholung nach Wirkung. Dosis nach ärztlicher Anordnung/Hausstandard.
CAVE: Atemdepression — besonders bei Hyperkapnie/CO₂-Retention (COPD!). Engmaschig überwachen: SpO₂, AF, Vigilanz, BGA-/pCO₂-Trend. Antidot Naloxon bereit. Das Opioid lindert Dyspnoe/Angst, behandelt aber nicht die Ursache — es darf eine nötige Intubation nicht verschleiern/verzögern.
Invasive Beatmung (bei NIV-Versagen)
- Lungenprotektiv: Vt ~6 ml/kg PBW, niedrige Atemfrequenz.
- Langes Exspirium, permissive Hyperkapnie in definierten Grenzen zulassen.
- Cave dynamische Überblähung / Auto-PEEP (Air Trapping): Plateaudruck < 30 cmH₂O, ausreichende Exspirationszeit, Bronchodilatation.
Schwache EmpfehlungS3 Invasive Beatmung 2025 · E35
Bei invasiv beatmetem hyperkapnischen Versagen kann ein extrinsischer PEEP bis zu 85 % des intrinsischen (Auto-)PEEP angewendet werden — senkt Triggerarbeit und Atemarbeit, ohne die Überblähung zu verstärken.
Schwache EmpfehlungS3 Invasive Beatmung 2025 · E48
Bei exspiratorischer Flusslimitierung das I:E-Verhältnis so anpassen, dass bei ausreichendem Tidal-/Atemminutenvolumen eine möglichst lange Expirationsphase resultiert.
Quelle: S3-Leitlinie „Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz" (AWMF 001-021, Version 2.0, 08/2025). Empfehlungsnummern (E…) dienen der Orientierung; maßgeblich bleiben Hausstandard, Gerätevorgaben und ärztliche Anordnung. Quellen & Leitlinien:
Referenzen.
Alle Zahlen sind Orientierungswerte (Erwachsene). Verbindlich sind Hausstandard, Gerätevorgaben und die ärztliche Anordnung.