Intensivstation · Bedside-Referenz

Intensiv-Labor — Entscheidungshilfe

Kompakte Schnellinterpretation der relevanten Laborparameter. Referenzbereiche sind labor- und methodenabhängig (Richtwerte Erwachsene). Sektionen per Klick aufklappen.

Normbereich auffällig / Trend beachten kritisch / Notfall Entscheidungsschritt Merkhilfe / Muster
Aufbau je Laborwert Unter jedem Parameter liegen zwei Aufklappfelder: Definition (was der Wert misst und warum) und Klinik & Differenzialdiagnosen — dort stehen die Krankheitsbilder getrennt nach ↑ und ↓, die Differenzialdiagnosen & Fallstricke (auch Präanalytik und Pseudobefunde) sowie Konstellationen, also typische Muster aus mehreren Werten zusammen.
01Blutgasanalyse & Säure-Basen
Arterielle BGA — Normwerte
Definition

pH: Säure-Basen-Status gesamt — sagt, ob Azidose (< 7,35) oder Alkalose (> 7,45) vorliegt, aber nicht warum.

pCO₂ — respiratorische Komponente: über die Atmung reguliert. ↑ = Hypoventilation, ↓ = Hyperventilation.

HCO₃⁻ & BE — metabolische Komponente: Bikarbonat ist der wichtigste Puffer (Niere/Stoffwechsel); der BE fasst Basenüberschuss/-defizit in einer Zahl zusammen.

pO₂ / SaO₂: die Oxygenierung — getrennt vom Säure-Basen-Teil zu lesen.

Warum: immer pH → dann pCO₂ vs. HCO₃⁻/BE → dann Kompensation lesen (siehe Entscheidungsbaum unten).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Alkalose — respiratorisch (pCO₂↓): Schmerz, Angst, Fieber, frühe Sepsis, Hypoxämie, ZNS-Läsion, Leberversagen, zu hohes Atemminutenvolumen am Respirator. Metabolisch (HCO₃⁻/BE↑): Erbrechen bzw. Magensonden-Verluste, Schleifendiuretika, Hypokaliämie, Steroide/Hyperaldosteronismus, Citratüberhang bei regionaler Antikoagulation, Bikarbonat- oder Massivtransfusion.
Azidose — respiratorisch (pCO₂↑): COPD/Asthma, Opiate & Sedativa, neuromuskuläre Schwäche, Obstruktion, Hypoventilation bei Adipositas, erschöpfte Atempumpe. Metabolisch (HCO₃⁻/BE↓): Laktatazidose (Schock, Ischämie), Ketoazidose, Urämie, Intoxikation (Methanol, Ethylenglykol, Salicylat), Diarrhö bzw. hohe Stoma-/Gallenverluste, große NaCl-0,9-%-Mengen, renal-tubuläre Azidose, Nebenniereninsuffizienz.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • Erst rechnenAnionenlücke = Na⁺ − (Cl⁻ + HCO₃⁻) trennt die metabolische Azidose in Additions- (AL↑: Laktat, Ketone, Urämie, Toxine) und Subtraktionsazidose (AL normal: Diarrhö, NaCl-Zufuhr, RTA).
  • FalleGemischte Störung. Ein normaler pH schließt nichts aus — bei gegenläufigen Störungen (z. B. Sepsis mit Laktatazidose + Hyperventilation) kann er unauffällig sein. Immer pCO₂ und BE einzeln beurteilen.
  • FalleAlbumin↓ senkt die Anionenlücke um ~2,5 mmol/l je g/dl Albuminmangel → auf ICU rechnerisch korrigieren, sonst wird eine Additionsazidose übersehen.
  • ToxikologieOsmotische Lücke↑ bei Anionenlücken-Azidose → Methanol / Ethylenglykol. Anionenlücken-Azidose + respiratorische Alkalose → Salicylat.
  • PräanalytikVenöse statt arterieller Probe, Luftblase im Röhrchen oder lange Liegezeit verfälschen pO₂/pCO₂ deutlich.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
pH↓ + pCO₂↑ + BE ~ normalakute respiratorische Azidosenoch keine renale Kompensation → das Problem ist Minuten bis Stunden alt (Ventilation prüfen).
pH↓ + BE↓ + Anionenlücke↑ + Laktat↑Schock / GewebehypoxiePerfusion, nicht Beatmung — Ursachensuche & Kreislauftherapie.
pH↓ + BE↓ + Anionenlücke normal + Cl⁻↑hyperchlorämische Azidosemeist iatrogen durch NaCl 0,9 % → auf balancierte Lösung wechseln.
pH↑ + HCO₃⁻↑ + K⁺↓ + Cl⁻↓hypochlorämische KontraktionsalkaloseMagensonde/Erbrechen oder Schleifendiuretika → KCl + Volumen, ggf. Acetazolamid.
Bohr-Effekt: Azidose bzw. pCO₂ ↑ verschieben die Sauerstoffbindungskurve nach rechts (mehr O₂-Abgabe im Gewebe) — Details & Grafik unter Beatmung · Sauerstoffbindungskurve.
ParameterReferenzbereichmisst
pH7,35–7,45Säure-Basen-Status gesamt
pCO₂35–45 mmHgrespiratorische Komponente
pO₂80–100 mmHgOxygenierung
HCO₃⁻ (Std.)22–26 mmol/lmetabolische Komponente
BE−2 … +2 mmol/lBasenüberschuss/-defizit
SaO₂95–99 %O₂-Sättigung
Laktat0,5–2,0 mmol/lGewebeperfusion
Säure-Basen — Entscheidungsbaum (4 Schritte)
① pH bewerten
pH < 7,35Azidose
pH > 7,45Alkalose
pH normalevtl. kompensiert / gemischt → pCO₂ & HCO₃⁻ prüfen
② Ursache: respiratorisch oder metabolisch?
Azidose + pCO₂ > 45respiratorische Azidose
Hypoventilation, COPD, Sedierung, neuromuskulär
Azidose + HCO₃⁻/BE ↓metabolische Azidoseweiter zu ④
Alkalose + pCO₂ < 35respiratorische Alkalose
Hyperventilation, Schmerz, Angst, Sepsis-Frühphase, Höhe
Alkalose + HCO₃⁻/BE ↑metabolische Alkalose
Erbrechen / Magensonde, Diuretika, Hypokaliämie
③ Kompensation adäquat?
metab. Azidoseerwartetes pCO₂ ≈ 1,5 × HCO₃⁻ + 8 (±2) · Winters
resp. Azidoseakut: HCO₃⁻ +1 / chron.: +3,5 pro 10 mmHg pCO₂↑
Kompensation außerhalb des Erwartungswerts → gemischte Störung
④ Bei metabolischer Azidose: Anionenlücke
AL = Na⁺ − (Cl⁻ + HCO₃⁻)·Norm 8–12 mmol/l
AL erhöht (> 12)Säurezufuhr
Laktat · Ketoazidose (DKA/Alkohol) · Urämie · Intox (Methanol, Ethylenglykol, Salicylat)
AL normalhyperchlorämisch
Diarrhö · renal-tubuläre Azidose · NaCl-Überladung
Merkhilfe Anionenlücke ↑Laktat · Ketone · Urämie · Toxine“ (KULT) — schnell die häufigsten Treiber der High-AG-Azidose abklopfen.
Laktat 0,5–2,0 mmol/l
Definition

Was: Endprodukt der anaeroben Glykolyse — fällt vermehrt an, wenn die Zelle zu wenig Sauerstoff für die aerobe Energiegewinnung hat.

Anzeige: globale Gewebehypoperfusion / Sauerstoffschuld (Typ A). Seltener ohne Hypoxie (Typ B: Leberversagen, Metformin, β-Mimetika, Adrenalin).

Warum: zentraler Schock-/Perfusionsmarker — nicht der Einzelwert, sondern Trend & Clearance (Abfall über die Zeit) steuern die Therapie und sind prognostisch.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Typ A (Sauerstoffmangel): septischer, kardiogener, hypovolämischer und obstruktiver Schock; mesenteriale Ischämie; Extremitäten-/Kompartmentischämie; schwere Hypoxämie oder Anämie; CO- und Zyanidintoxikation; nach Reanimation; generalisierter Krampfanfall; exzessive Muskelarbeit (auch Schüttelfrost, Atemarbeit). Typ B (ohne Hypoxie): Leberversagen (verminderte Clearance), Metformin, Adrenalin/Noradrenalin und β₂-Mimetika (Salbutamol), Propofol-Infusionssyndrom, Thiaminmangel, Malignome/Lymphome, HIV-Nukleosidanaloga, Alkohol.
Kein eigenständiger Krankheitswert — ein niedriges Laktat schließt eine regionale Ischämie (z. B. beginnende Mesenterialischämie) nicht aus.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDLaktat↑ ohne Kreislaufproblem → an Typ B denken: Medikamente (Metformin, Adrenalin, Salbutamol, Propofol), Leberversagen, Thiaminmangel.
  • DDLaktat↑ trotz normalem Blutdruck → okkulte Hypoperfusion, mesenteriale Ischämie, Sepsis in der frühen Phase — der Blutdruck ist ein später Marker.
  • PräanalytikLange Stauung, Faustschluss oder verzögerte Analyse heben das Laktat falsch an — im Zweifel arterielle BGA wiederholen.
  • RaritätD-Laktatazidose bei Kurzdarm/bakterieller Überwucherung: Enzephalopathie bei normalem Routine-Laktat (misst nur L-Laktat).
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Laktat↑ + Hypotension trotz Volumen + Infektfokusseptischer SchockLaktat > 2 mmol/l trotz adäquater Volumengabe ist Definitionskriterium.
Laktat↑↑ + starker Bauchschmerz bei geringem Untersuchungsbefundmesenteriale Ischämie„Schmerz ohne Befund“ — CT-Angiographie, nicht abwarten.
Laktat↑ + AKI + MetforminMetformin-assoziierte Laktatazidosetypisch sehr hohes Laktat bei ausgeprägter Azidose → Dialyse erwägen.
Laktat↑ + Triglyzeride↑ + Rhabdomyolyse + Bradyarrhythmie unter PropofolPropofol-InfusionssyndromPropofol sofort absetzen und Sedierung umstellen.
Laktat-Clearance > 10–20 % / 2 hTherapie greiftder Verlauf ist prognostisch aussagekräftiger als jeder Einzelwert.
2–4 mmol/lHypoperfusion / Stress / β-Mimetika — Trend & Clearance wichtiger als Einzelwert
> 4 mmol/lschwere Gewebehypoxie / Schock — Prognosemarker, Clearance <10 %/h ungünstig
02Elektrolyte
Natrium (Na⁺) 135–145 mmol/l
Definition

Was: wichtigstes Kation des Extrazellulärraums; bestimmt zusammen mit dem Wasserhaushalt die Serumosmolalität.

Anzeige: Störung der Wasserbilanz — nicht des Gesamtkörper-Natriums.

Warum: Na⁺ ist primär ein Wasserproblem → immer Volumenstatus + Osmolalität mitdenken. Korrektur langsam — sonst osmotische Demyelinisierung (bei zu schnellem Anheben) bzw. Hirnödem (bei zu schnellem Senken).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hypernatriämie = Wassermangel: Fieber und Hyperventilation, hohe Perspiratio, Diarrhö, osmotische Diurese (Hyperglykämie, Mannitol, hohe Harnstofflast), Diabetes insipidus (zentral nach SHT/Hypophysenprozess/Hirntod, renal unter Lithium oder bei Hyperkalzämie), fehlende Durstwahrnehmung bei Sedierung, Natriumzufuhr (NaBic, hypertone Kochsalzlösung, natriumreiche Antibiotika).
Hyponatriämie nach Volumenstatus: hypervolämisch — Herzinsuffizienz, Leberzirrhose, nephrotisches Syndrom, Niereninsuffizienz. Euvolämisch — SIADH (ZNS-Prozesse, Pneumonie, kleinzelliges Bronchial-Ca, Schmerz/Übelkeit, Medikamente wie SSRI, Carbamazepin, Antipsychotika), Hypothyreose, Nebenniereninsuffizienz. Hypovolämisch — Diuretika (v. a. Thiazide), Erbrechen/Diarrhö, dritter Raum, zerebrales Salzverlustsyndrom.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDSIADH vs. zerebrales Salzverlustsyndrom (CSW): laborchemisch fast identisch — der Unterschied ist der Volumenstatus. SIADH euvoläm (Flüssigkeitsrestriktion), CSW hypovoläm (Volumen + Natrium; Restriktion wäre schädlich).
  • PseudoPseudohyponatriämie bei Hyperlipidämie oder Paraproteinämie (Messartefakt) — direkt-potentiometrische BGA-Messung ist nicht betroffen.
  • RechnenTranslokationshyponatriämie: je 100 mg/dl Glukose über Norm sinkt Na⁺ um ~2,4 mmol/l — bei DKA/HHS zuerst korrigieren, dann bewerten.
  • CaveChronische Hyponatriämie langsam ausgleichen (max. 8–10 mmol/l pro 24 h) — sonst osmotische Demyelinisierung; Hypernatriämie ebenso langsam senken (Hirnödem).
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Na⁺↓ + Urin-Osmolalität↑ + Urin-Na⁺ > 30 + euvoläm + normale Nieren-/Schilddrüsen-/NNR-FunktionSIADHAusschlussdiagnose → Flüssigkeitsrestriktion, ggf. Tolvaptan.
Na⁺↑ + Polyurie + Urin-Osmolalität↓ + Urin spez. Gewicht niedrigDiabetes insipidusnach SHT/Hypophysen-OP und im Rahmen der Hirntoddiagnostik klassisch → Desmopressin.
Na⁺↓ + K⁺↑ + Hypotonie + EosinophilieNebenniereninsuffizienzAddison-Krise mitdenken — Cortisol abnehmen und Hydrocortison geben.
Na⁺↓ + Ödeme + NT-proBNP↑Verdünnungshyponatriämie bei Herzinsuffizienzprognostisch ungünstig; Therapie ist die Herzinsuffizienz, nicht die Natriumgabe.
Hyponatriämie < 135Volumenstatus + Serumosmo prüfen (hypo/eu/hypervoläm, SIADH). Korrektur langsam < 8–10 mmol/24 h → Gefahr osmotische Demyelinisierung.
Hypernatriämie > 145Freies Wasserdefizit, Durstdefekt, osmot. Diurese. Langsam senken → Hirnödemrisiko.
Kalium (K⁺) 3,5–5,0 mmol/l
Definition

Was: wichtigstes intrazelluläres Kation; nur ~2 % liegen extrazellulär (= das, was gemessen wird).

Anzeige: Erregbarkeit von Muskel- und v. a. Herzzellen (Membranpotenzial).

Warum: enge therapeutische Breite — Hypo- wie Hyperkaliämie sind arrhythmogen. Verschiebt sich mit pH, Insulin, β-Mimetika; bei Mg-Mangel bleibt die Hypokaliämie therapierefraktär.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hyperkaliämie: akutes/chronisches Nierenversagen, Azidose (Shift nach extrazellulär), Zelluntergang (Rhabdomyolyse, Tumorlyse, Hämolyse, Verbrennung, Reperfusion nach Ischämie), Medikamente (ACE-Hemmer/Sartane, Spironolacton, NSAR, Trimethoprim, Heparin, Calcineurininhibitoren, Succinylcholin), Nebenniereninsuffizienz, Massivtransfusion alter Erythrozytenkonzentrate, Digitalisintoxikation.
Hypokaliämie: Schleifen-/Thiaziddiuretika, gastrointestinale Verluste (Erbrechen, Magensonde, Diarrhö, Fisteln), Shift nach intrazellulär (Insulin/Glukose, β₂-Mimetika, Alkalose, Refeeding), Magnesiummangel, Hyperaldosteronismus/Steroide, Amphotericin B, renal-tubuläre Azidose, hochdosiert Penicilline, kontinuierliche Nierenersatztherapie ohne Substitution.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • PseudoPseudohyperkaliämie zuerst ausschließen: hämolytische Probe, langes Stauen/Faustschluss, ausgeprägte Leuko- oder Thrombozytose. Gegenprobe: BGA (Vollblut, sofort) gegen Zentrallabor.
  • DDTherapierefraktäre Hypokaliämie → immer Magnesium messen und ersetzen; ohne Mg bleibt die Substitution wirkungslos.
  • DDKalium normal trotz Gesamtkörpermangel: bei Azidose (DKA) täuscht der Shift ein normales K⁺ vor — unter Insulingabe fällt es rasch ab.
  • CaveEKG-Veränderungen (spitze T-Wellen, QRS-Verbreiterung, Sinuswelle) entscheiden über die Dringlichkeit — nicht der reine Zahlenwert.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
K⁺↓ trotz Substitution + Mg²⁺↓Magnesium-abhängige HypokaliämieMagnesium zuerst ausgleichen, dann greift die Kaliumgabe.
K⁺↑ + Kreatinin↑ + Azidose + Oligurieakutes NierenversagenNierenersatzverfahren prüfen; Notfalltherapie überbrückt nur.
K⁺↑ + CK↑↑ + Phosphat↑ + Ca²⁺↓ + dunkler UrinRhabdomyolyseVolumen, Diurese, Kaliumkontrolle im engen Intervall.
K⁺↑ + Phosphat↑ + Harnsäure↑ + LDH↑ + Ca²⁺↓Tumorlysesyndromtypisch 12–72 h nach Chemotherapiebeginn → Rasburicase, Volumen, Dialysebereitschaft.
K⁺↓ + HCO₃⁻↑ + Cl⁻↓ + Magensonde förderthypochlorämisch-hypokaliämische AlkaloseKCl statt reinem Kaliumsalz — das Chlorid ist Teil des Problems.
Hypokaliämie < 3,5U-Welle, Arrhythmieneigung, Digitalis-Toxizität. Mg gleichzeitig prüfen/substituieren.
Hyperkaliämie > 5,0EKG: hohe spitze T → breiter QRS → Sinuswelle. > 6,5 oder EKG-Veränderung = Notfall.
Calcium (ionisiert) 1,15–1,35 mmol/l gesamt 2,2–2,6
Definition

Was: das biologisch aktive, freie Calcium. Gesamt-Ca ist eiweißgebunden + ionisiert → bei niedrigem Albumin (ICU) ist nur das ionisierte aussagekräftig.

Anzeige: neuromuskuläre Erregbarkeit, Gerinnung, Herzfunktion.

Warum: ICU-relevant v. a. bei Citrat (Massivtransfusion, regionale CVVH-Antikoagulation) — Citrat bindet ionisiertes Ca; Hypocalciämie → QT ↑, Tetanie.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hyperkalzämie: Tumorhyperkalzämie (PTHrP, osteolytische Metastasen, multiples Myelom), primärer Hyperparathyreoidismus, Immobilisation, granulomatöse Erkrankungen (Sarkoidose, Tuberkulose), Vitamin-D- oder -A-Intoxikation, Thiazide, Lithium, Milch-Alkali-Syndrom, Erholungsphase nach Rhabdomyolyse.
Hypokalzämie: Citrat (regionale Antikoagulation bei CVVHD, Massivtransfusion), Sepsis, akute Pankreatitis, Hypoparathyreoidismus (nach Schilddrüsen-/Halseingriff), Vitamin-D-Mangel, Hyperphosphatämie und Tumorlyse, respiratorische Alkalose (ionisiert↓ bei normalem Gesamt-Calcium), Magnesiummangel, Medikamente (Bisphosphonate, Denosumab, Foscarnet, Schleifendiuretika).
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • FalleGesamt-Calcium täuscht. Bei Albumin↓ — auf ICU die Regel — ist nur das ionisierte Calcium verwertbar; die Albuminkorrekturformel ist bei Kritisch-Kranken unzuverlässig.
  • DDAlkalose senkt das ionisierte Calcium bei unverändertem Gesamt-Calcium (mehr Bindung an Albumin) → Tetanie bei Hyperventilation.
  • DDHypokalzämie, die auf Calciumgabe nicht anspricht → Magnesium messen (Mg-Mangel blockiert PTH-Sekretion und -Wirkung).
  • CaveBei Hyperkalzämie zuerst Volumen (NaCl), dann Bisphosphonat/Calcitonin — Schleifendiuretika erst nach Rehydrierung.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Ca²⁺ ionisiert↓ + Gesamt-Ca normal/↑ + Ratio Gesamt/ionisiert > 2,5 unter CVVHDCitratakkumulationLeberfunktion und Laktat prüfen, Citratdosis reduzieren oder Verfahren umstellen.
Ca²⁺↑ + Phosphat↓ + PTH normal/↑primärer Hyperparathyreoidismusbei Tumorhyperkalzämie ist PTH dagegen supprimiert.
Ca²⁺↑ + Anämie + Kreatinin↑ + BSG↑↑ + Eiweißlückemultiples MyelomSerum-Elektrophorese und freie Leichtketten anfordern.
Ca²⁺↓ + Phosphat↑ + K⁺↑ + LDH↑TumorlysesyndromCalcium hier zurückhaltend geben — Gefahr der Calcium-Phosphat-Präzipitation.
Ca²⁺↓ + Lipase↑↑ + CRP↑schwere nekrotisierende PankreatitisHypokalzämie ist ein Schweregradmarker (Ranson/Kalkseifenbildung).
HypocalciämieQT ↑, Tetanie, Kribbeln. Häufig bei Citrat (Massentransfusion, regionale CVVH-Antikoagulation).
HypercalciämieQT ↓, Vigilanzminderung, Polyurie. Malignom, prim. Hyperparathyreoidismus.
Magnesium (Mg²⁺) 0,7–1,05 mmol/l
Definition

Was: überwiegend intrazelluläres Kation, Kofaktor vieler Enzyme und der Na/K-ATPase.

Anzeige: neuromuskuläre und kardiale Erregbarkeit.

Warum: Hypomagnesiämie → Arrhythmien (Torsade de pointes) und therapierefraktäre Hypokaliämie; Hypermagnesiämie (v. a. Niereninsuffizienz) → Areflexie, Atemdepression.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hypermagnesiämie: fast immer Niereninsuffizienz plus Zufuhr — magnesiumhaltige Antazida und Laxantien, Eklampsie-Therapie, Substitution ohne Kontrolle; selten Tumorlyse, Nebenniereninsuffizienz.
Hypomagnesiämie: Diuretika, chronischer Alkoholkonsum, Diarrhö/Kurzdarm/Fisteln, Protonenpumpenhemmer über Monate, Refeeding, kontinuierliche Nierenersatztherapie, Medikamente (Aminoglykoside, Amphotericin B, Cisplatin, Calcineurininhibitoren, Cetuximab), Therapiephase der diabetischen Ketoazidose, Mangelernährung.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDTherapierefraktäre Hypokaliämie oder Hypokalzämie → Magnesium ist die häufigste übersehene Ursache.
  • FalleDer Serumspiegel bildet nur ~1 % des Körperbestands ab — ein normwertiges Magnesium schließt einen relevanten Mangel nicht aus.
  • DDNeu aufgetretene Torsade de pointes oder QT-Verlängerung → Magnesium unabhängig vom Messwert substituieren.
  • CaveBei Hypermagnesiämie mit Areflexie/Atemdepression ist Calciumgluconat i. v. das Antidot.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Mg²⁺↓ + K⁺↓ + QTc↑Torsade-de-pointes-RisikoMagnesium und Kalium gemeinsam ausgleichen, QT-verlängernde Medikamente pausieren.
Mg²⁺↓ + Phosphat↓ + K⁺↓ nach ErnährungsbeginnRefeeding-SyndromKalorienzufuhr drosseln, Thiamin geben, Elektrolyte engmaschig kontrollieren.
Mg²⁺↑ + Areflexie + Bradykardie + AtemdepressionMagnesiumintoxikationZufuhr stoppen, Calcium i. v., bei Niereninsuffizienz Dialyse.
HypomagnesiämieArrhythmie, Torsade de pointes, therapierefraktäre Hypokaliämie.
HypermagnesiämieAreflexie, Hypotonie, Atemdepression (v. a. Niereninsuffizienz).
Phosphat 0,84–1,45 mmol/l
Definition

Was: wichtiger intrazellulärer Energiebaustein (ATP, 2,3-BPG).

Anzeige: Zell-Energiestoffwechsel; Nierenfunktion.

Warum: Hypophosphatämie (Refeeding-Syndrom) → Muskel-/Atemschwäche, Weaning-Versagen; Hyperphosphatämie bei Niereninsuffizienz/Tumorlyse.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hyperphosphatämie: akute und chronische Niereninsuffizienz, Tumorlysesyndrom, Rhabdomyolyse, Hämolyse, Hypoparathyreoidismus, Azidose (Shift nach extrazellulär), phosphathaltige Einläufe oder Vitamin-D-Überdosierung.
Hypophosphatämie: Refeeding-Syndrom, Insulin- und Glukosegabe, respiratorische Alkalose, kontinuierliche Nierenersatztherapie (sehr häufig!), chronischer Alkoholkonsum, Therapiephase der DKA, Diuretika, phosphatbindende Antazida, Hyperparathyreoidismus, schwere Verbrennung, Sepsis.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDUnerklärtes Weaningversagen oder Muskelschwäche → Phosphat bestimmen; ohne ATP und 2,3-BPG arbeitet das Zwerchfell nicht.
  • DDPhosphatabfall in den ersten Tagen nach Beginn der Ernährung bei vorbestehender Mangelernährung oder Alkoholkrankheit → Refeeding bis zum Beweis des Gegenteils.
  • CaveUnter CVVHD fällt Phosphat regelhaft ab — Substitution oder phosphathaltige Dialysierflüssigkeit einplanen.
  • CaveBei Hyperphosphatämie mit Hypokalzämie kein unkritisches Calcium geben (Präzipitationsgefahr) — Phosphat senken.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Phosphat↓ + K⁺↓ + Mg²⁺↓ 24–72 h nach ErnährungsbeginnRefeeding-SyndromThiamin vor der ersten Kalorie, Zufuhr langsam steigern.
Phosphat↑ + K⁺↑ + Harnsäure↑ + LDH↑ + Ca²⁺↓TumorlysesyndromVolumen, Rasburicase, frühzeitig Nierenersatzverfahren.
Phosphat↓ + Atemarbeit↑ + Weaning scheitert wiederholtphosphatbedingte Muskelschwächesubstituieren und Weaningversuch wiederholen.
HypophosphatämieRefeeding-Syndrom, Muskel-/Atemschwäche, Weaning-Versagen.
HyperphosphatämieNiereninsuffizienz, Tumorlyse-Syndrom.
Chlorid (Cl⁻) 98–107 mmol/l
Definition

Was: wichtigstes Anion des Extrazellulärraums, folgt meist dem Natrium.

Anzeige: Säure-Basen- und Volumenstatus.

Warum: Treiber der Anionenlücke; hohe Chloridzufuhr (NaCl 0,9 %) → hyperchlorämische metabolische Azidose.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hyperchlorämie: große Mengen NaCl 0,9 % oder chloridreicher Kolloide, Diabetes insipidus und andere reine Wasserverluste, renal-tubuläre Azidose, Acetazolamid, Ureterosigmoidostomie, Ammoniumchlorid.
Hypochlorämie: Erbrechen und Magensondenverluste, Schleifen- und Thiaziddiuretika, Mineralokortikoidexzess, chronische respiratorische Azidose mit renaler Kompensation, Mukoviszidose (Schweißverluste).
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDMetabolische Azidose mit normaler Anionenlücke → hyperchlorämisch: iatrogen (NaCl), Diarrhö/Stomaverluste, renal-tubuläre Azidose, Acetazolamid.
  • RechnenChlorid-Natrium-Differenz (Cl⁻ − Na⁺ bzw. „korrigiertes Chlorid“) trennt eine echte Chloridakkumulation von einer reinen Verdünnung.
  • CaveChloridreiche Volumentherapie verschlechtert die renale Perfusion — bei großen Mengen balancierte Lösungen bevorzugen.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Cl⁻↑ + BE↓ + Anionenlücke normal nach großer NaCl-Mengehyperchlorämische Dilutionsazidosekein Schockäquivalent — Infusionsregime umstellen statt Bikarbonat geben.
Cl⁻↓ + HCO₃⁻↑ + K⁺↓ + Magensonde/Erbrechenhypochlorämische KontraktionsalkaloseNaCl + KCl; bei Persistenz Acetazolamid.
Cl⁻↑ + Na⁺↑ + Polyurie + Urin-Osmolalität↓Wasserverlust / Diabetes insipidusfreies Wasser ersetzen, Ursache klären.
Treiber der Anionenlücke; ↑ bei hyperchlorämischer (NaCl-induzierter) metabolischer Azidose.
03Niere & Volumen
Kreatinin ♀ 0,5–0,9 · ♂ 0,7–1,2 mg/dl
Definition

Was: Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels (Kreatin), wird glomerulär filtriert.

Anzeige: glomeruläre Filtrationsleistung (Surrogat).

Warum: träger Marker → Kinetik zählt (steigt erst, wenn schon ~50 % Funktion verloren); muskelmasseabhängig → bei Sarkopenie/ICU oft falsch niedrig.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Prärenal: Hypovolämie, Blutung, Schock jeder Genese, Herzinsuffizienz (kardiorenal), Leberzirrhose/hepatorenales Syndrom, intraabdomineller Druck↑, NSAR und ACE-Hemmer/Sartane in der Hypovolämie. Intrarenal: akute Tubulusnekrose nach Ischämie oder Sepsis, Kontrastmittel, Nephrotoxine (Aminoglykoside, Vancomycin, Amphotericin B, Calcineurininhibitoren, Cisplatin), Rhabdomyolyse, Hämolyse, interstitielle Nephritis (Antibiotika, PPI), Glomerulonephritis, Vaskulitis. Postrenal: Harnverhalt, verlegter Blasenkatheter, Prostata-/Tumorobstruktion, Steine, retroperitoneale Fibrose.
Falsch niedrige Werte trotz eingeschränkter Nierenfunktion: Sarkopenie und Kachexie, Langzeitbeatmung, Leberversagen (verminderte Kreatinsynthese), Überwässerung/Hämodilution, Schwangerschaft, Amputation.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • Erste FrageBlase prüfen, bevor gerechnet wird. Der verlegte Katheter ist die am schnellsten behebbare Ursache eines Kreatininanstiegs.
  • DDKreatininanstieg ohne Nierenschädigung: Trimethoprim und Cimetidin hemmen die tubuläre Sekretion — die GFR ist unverändert.
  • DDAugmented Renal Clearance (junge Patienten, Trauma, Sepsis, Verbrennung): Kreatinin auffällig niedrig bei GFR > 130 → Gefahr der Antibiotika-Unterdosierung.
  • FalleKreatinin ist ein träger Marker: bei akutem Nierenversagen ist die Urinausscheidung die frühere Information — KDIGO-Stadium auch nach Diurese festlegen.
  • FalleNach Volumengabe kann Kreatinin durch Verdünnung sinken, ohne dass sich die Nierenfunktion gebessert hat.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Kreatinin↑ + Harnstoff/Kreatinin-Ratio hoch + FeNa < 1 % + konzentrierter Urinprärenales NierenversagenVolumenstatus optimieren, nephrotoxische Medikamente pausieren.
Kreatinin↑ + FeNa > 2 % + isosthenurischer Urin + Epithelzylinderakute Tubulusnekrosekein Volumenmangelproblem mehr — unterstützend behandeln.
Kreatinin↑ + Oligurie + gefüllte Blase / gestaute Nieren im Sonopostrenales Nierenversagensofort entlasten — vollständig reversibel, wenn früh erkannt.
Kreatinin↑ + CK↑↑ + dunkler Urin + K⁺↑Rhabdomyolyse-bedingtes AKIforcierte Volumentherapie, Elektrolyte im engen Intervall.
Kreatinin↑ + Eosinophilie + Exanthem + neues Medikamentakute interstitielle NephritisAuslöser absetzen, Steroide erwägen.
Träger Marker (Kinetik!), muskelmasseabhängig — bei Sarkopenie/ICU oft falsch niedrig.
Harnstoff 10–50 mg/dl · GFR > 90 ml/min · Cystatin C 0,5–0,96 mg/l
Definition

Harnstoff: Endprodukt des Eiweißabbaus (Leber → Niere). Steigt bei Niereninsuffizienz, aber auch bei Katabolismus, GI-Blutung, Exsikkose → Harnstoff/Krea ↑ = prärenal.

GFR: geschätzte Filtrationsrate — Maß der Gesamtnierenfunktion.

Cystatin C: von allen kernhaltigen Zellen konstant gebildet, muskelmasseunabhängig → bei kachektischen/ICU-Patienten verlässlicher als Kreatinin.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Harnstoff↑: Niereninsuffizienz, aber auch obere gastrointestinale Blutung (verdautes Blut als Eiweißlast), Katabolismus, Steroide, hohe Eiweißzufuhr, Exsikkose, Herzinsuffizienz, Tumorlyse. Cystatin C↑ unabhängig von der Niere: Steroidtherapie, Hyperthyreose, hoher Zellumsatz, ausgeprägte Adipositas.
Harnstoff↓: Leberversagen (Harnstoffzyklus), Mangelernährung, Überwässerung, Schwangerschaft, Nierenersatztherapie. Cystatin C↓: Hypothyreose, Ciclosporin.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDHarnstoff/Kreatinin-Ratio > 20:1 → prärenal oder gastrointestinale Blutung; ausgeglichene Ratio → intrarenal.
  • DDDiskrepanz Kreatinin vs. Cystatin C: Kreatinin normal, Cystatin C erhöht → tatsächlich eingeschränkte GFR bei Sarkopenie („kreatininblinder Bereich“).
  • CaveGFR-Formeln (CKD-EPI, MDRD) sind bei instabiler Nierenfunktion nicht gültig — im akuten Nierenversagen nicht zur Dosisanpassung verwenden.
  • PraxisFür die Antibiotikadosierung auf ICU zählt die aktuelle Clearance (ggf. Sammelurin oder Spiegel), nicht die geschätzte GFR.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Harnstoff/Kreatinin > 20:1 + Melaena/Kaffeesatz + Hb↓obere gastrointestinale BlutungEndoskopie; der Harnstoffanstieg entsteht durch die Eiweißlast im Darm.
Kreatinin normal + Cystatin C↑ bei Kachexieverdeckte NiereninsuffizienzMedikamentendosierung anpassen, obwohl das Kreatinin unauffällig ist.
Harnstoff↓ + Albumin↓ + INR↑ + Ammoniak↑Leberversagendie Leber bildet den Harnstoff — ein niedriger Wert ist hier kein gutes Zeichen.
Cystatin C muskelmasseunabhängig → bei kachektischen/ICU-Patienten verlässlicher. Harnstoff/Krea ↑ + FeNa < 1 % → prärenal (Volumenmangel); FeNa > 2 % → renal-parenchymatös.
Akutes Nierenversagen — KDIGO-Stadien
StadiumKreatininUrinausscheidung
1×1,5–1,9 Baseline · oder +0,3 mg/dl in 48 h< 0,5 ml/kg/h für 6–12 h
2×2,0–2,9 Baseline< 0,5 ml/kg/h für ≥ 12 h
3×3 · oder ≥ 4,0 mg/dl · oder Dialysebeginn< 0,3 ml/kg/h ≥ 24 h · oder Anurie ≥ 12 h
04Leber, Galle & Pankreas
Grundprinzip — 3 Fragen Leberwerte gehören zu drei Gruppen, die du immer getrennt liest: ① Schädigung (Enzyme aus zerstörten Zellen: AST, ALT, GLDH) · ② Abfluss/Cholestase (Stau in den Gallenwegen: AP, GGT, Bilirubin) · ③ Funktion/Synthese (was die Leber noch leistet: Albumin, Quick/INR, ChE). Ein erhöhter Enzymwert sagt „Zellen gehen kaputt“ — nicht, wie gut das Organ noch arbeitet.
AST / GOT ♂ < 50 · ♀ < 35 U/l Aspartat-Aminotransferase
Definition

Was: Enzym aus dem Zellinneren — sitzt in Leber, aber auch in Herz-, Skelettmuskel & Erythrozyten.

Anzeige: Zelluntergang allgemein, nicht leberspezifisch.

Warum: Schädigungsmarker; isolierte AST-Erhöhung immer auch an Muskel/Herz (CK, Troponin) und Hämolyse denken.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Leber: Virushepatitis, toxisch-medikamentöse Schädigung, Alkohol, ischämische Schockleber, Stauungsleber. Muskel: Rhabdomyolyse, Polytrauma, langer Krampfanfall, Myositis, intramuskuläre Injektion, exzessives Training. Herz: Myokardinfarkt, Myokarditis, nach Reanimation. Sonstige: Hämolyse (auch bereits im Röhrchen), Hyperthyreose, Zöliakie.
Ohne klinische Bedeutung; sehr niedrige Werte allenfalls bei Vitamin-B6-Mangel oder Dialyse.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDAST↑ bei normaler ALT → nicht die Leber: an Skelettmuskel (CK), Herz (Troponin) und Hämolyse (LDH, Haptoglobin) denken.
  • PräanalytikEine hämolytische Probe hebt AST und LDH an — bei isoliertem Befund Abnahme wiederholen.
  • KinetikAST hat eine kürzere Halbwertszeit als ALT → bei Erholung fällt AST zuerst; ein steigender De-Ritis-Quotient im Verlauf kann auch das bedeuten.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
AST↑ + ALT↑ + De-Ritis > 2 + GGT↑ + MCV↑alkoholtoxische Leberschädigungtypische Konstellation; Transaminasen meist < 300 U/l.
AST > ALT + CK↑↑ + Myoglobin↑Muskelursprung / Rhabdomyolysedie Leber ist unbeteiligt — Nierenschutz steht im Vordergrund.
AST und ALT > 1000 + LDH↑ + INR↑ nach Hypotensionischämische Schocklebertypisch: extremer Gipfel und rascher Abfall innerhalb weniger Tage.
AST↑ + LDH↑ + Haptoglobin↓ + indirektes Bilirubin↑HämolyseUrsache klären: Transfusion, mechanisch (ECMO, Kunstklappe), mikroangiopathisch.
ALT / GPT ♂ < 50 · ♀ < 35 U/l Alanin-Aminotransferase
Definition

Was: Aminotransferase, die fast ausschließlich in der Leber vorkommt → der leberspezifischste der „Transaminasen“.

Anzeige: hepatozelluläre Schädigung.

Warum: Leitenzym, um eine Leberzellschädigung von einer Muskel-/Herzursache abzugrenzen.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Viral: Hepatitis A–E, EBV, CMV, Herpesviren. Toxisch/medikamentös: Paracetamol, Amoxicillin-Clavulansäure, Isoniazid, Rifampicin, Amiodaron, Statine, Valproat, Methotrexat, Phenytoin, Checkpoint-Inhibitoren, Knollenblätterpilz, Kokain/Ecstasy. Weitere: Steatose/NASH, Alkohol, Autoimmunhepatitis, ischämische Schockleber, Stauungsleber bei Rechtsherzinsuffizienz, Choledocholithiasis, Morbus Wilson, Hämochromatose, α₁-Antitrypsinmangel, Zöliakie, Budd-Chiari-Syndrom, HELLP.
Ohne eigenständigen Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDALT > 1000 U/l hat nur wenige Ursachen: ischämisch (Schockleber), toxisch (v. a. Paracetamol), akut viral, autoimmun, Steinabgang mit kurzem Gipfel, Budd-Chiari.
  • RechnenR-Faktor = (ALT/oberer Normwert) ÷ (AP/oberer Normwert): > 5 hepatozellulär, < 2 cholestatisch, dazwischen gemischt — steuert die weitere Diagnostik.
  • FalleBei fortgeschrittener Zirrhose können die Transaminasen normal sein — es sind kaum noch Hepatozyten da. Syntheseparameter beurteilen.
  • CaveBei jeder unklaren akuten Transaminasenerhöhung INR und Vigilanz prüfen — sie entscheiden über „akute Hepatitis“ vs. „akutes Leberversagen“.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
ALT↑↑↑ + rascher Abfall + LDH↑ + Kreislaufereignis in der Vorgeschichteischämische HepatitisTherapie ist die Kreislaufstabilisierung, nicht die Leber selbst.
ALT↑↑ + INR > 1,5 + Enzephalopathie ohne vorbestehende Lebererkrankungakutes LeberversagenTransplantationszentrum kontaktieren (King's-College-Kriterien).
ALT↑↑ + Paracetamolanamnese ± SpiegelParacetamolintoxikationN-Acetylcystein auch bei unklarer Zeitangabe früh beginnen.
ALT↑ + AP↑ (R-Faktor 2–5) + Bilirubin↑gemischt hepatozellulär-cholestatischtypisch medikamenteninduziert → Medikamentenliste durchgehen.
De-Ritis-Quotient AST / ALT Mustererkennung
< 1leichte/akute Schädigung mit intakten Zellen — viral, medikamentös-toxisch, Steatose
> 1schwerer / chronischer Schaden (AST sitzt tief in den Mitochondrien) — Alkohol, Zirrhose; > 1 mit AST > 1000 → ischämische „Schockleber“
GLDH ♂ < 7 · ♀ < 5 U/l Glutamatdehydrogenase
Definition

Was: rein mitochondriales Enzym, sitzt zentral im Leberläppchen.

Anzeige: schwere, tiefe Leberzellnekrose (z. B. Hypoxie/Schockleber, toxisch).

Warum: hohe GLDH neben Transaminasen spricht für ausgedehnten, nicht nur oberflächlichen Schaden.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Zentrilobuläre (zonale) Nekrose: ischämische Schockleber, schwere Rechtsherzinsuffizienz mit Leberstauung, toxische Schädigung (Paracetamol, Knollenblätterpilz, Halothan), akute Cholestase mit Steinabgang, Hitzschlag, Leberinfarkt/Budd-Chiari, hepatische Beteiligung bei Sepsis.
Nicht relevant.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDHohe GLDH bei nur mäßigen Transaminasen → entweder späte Verlaufsphase (GLDH fällt langsamer) oder cholestatisch-nekrotisches Geschehen.
  • PraxisGLDH ist der beste verfügbare Marker für die Tiefe der Schädigung — Transaminasen sagen nur, dass Zellen zugrunde gehen.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
GLDH↑↑ + AST/ALT↑↑ + LDH↑ + vorausgegangene HypotensionSchockleberPerfusion wiederherstellen; die Werte fallen bei Erfolg rasch.
GLDH↑ + AP/GGT↑ + Bilirubin↑ + kolikartiger SchmerzCholedocholithiasis mit SteinabgangSonographie, ggf. ERCP — kurzer, hoher Enzymgipfel ist typisch.
GLDH↑ + zentralvenöser Druck↑ + Ödeme/HalsvenenstauungStauungsleber bei Rechtsherzversagenkardiale Therapie, nicht hepatologische Diagnostik.
GGT (γ-GT) ♂ < 60 · ♀ < 40 U/l γ-Glutamyltransferase
Definition

Was: Enzym der Gallengangsepithelien, sehr sensibel.

Anzeige: Cholestase und Enzyminduktion (Alkohol, Medikamente).

Warum: empfindlichster Frühmarker einer Gallenabflussstörung; bestätigt, dass eine erhöhte AP aus der Leber (und nicht aus dem Knochen) stammt.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Enzyminduktion: Alkohol, Antiepileptika (Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital), Rifampicin. Cholestase jeder Ursache (Stein, Tumor, PBC/PSC, Sepsis-Cholestase, parenterale Ernährung, medikamentös). Weitere: Steatose/NASH, Pankreatitis, Rechtsherzinsuffizienz mit Stauung, Lebermetastasen und -tumoren, Hyperthyreose, Diabetes mellitus.
Ohne Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDIsoliert erhöhte GGT bei sonst normalen Leberwerten → meist Alkohol, Medikamente oder Fettleber; keine akute Diagnostik nötig, aber Verlauf kontrollieren.
  • PraxisGGT ist der Herkunftsnachweis für eine erhöhte AP: mit GGT hepatobiliär, ohne GGT ossär oder plazentar.
  • FalleSehr empfindlich, aber sehr unspezifisch — eine erhöhte GGT allein rechtfertigt keine Diagnose.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
GGT↑ + AP↑ + direktes Bilirubin↑hepatobiliäre CholestaseSonographie: gestaute Gallenwege → Obstruktion, unauffällig → intrahepatisch.
GGT normal + AP↑extrahepatische AP-QuelleKnochen (Fraktur, Metastasen, Paget), Wachstum, Schwangerschaft.
GGT↑ + De-Ritis > 2 + MCV↑ + Thrombozyten↓chronischer Alkoholkonsumauch an Entzugsdelir und Thiaminmangel denken.
AP 35–105 U/l alkalische Phosphatase
Definition

Was: Enzym aus Gallengängen — aber auch aus Knochen, Darm, Plazenta.

Anzeige: Cholestase.

Warum: Stau-Marker. Faustregel: AP↑ + GGT↑ → hepatisch/biliär; AP↑ + GGT normal → an Knochen/Wachstum/Schwangerschaft denken.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hepatobiliär: Choledocholithiasis, Tumorobstruktion, Cholangitis, primär biliäre Cholangitis, primär sklerosierende Cholangitis, Sepsis-Cholestase, parenterale Ernährung, medikamentös, Lebermetastasen und Infiltration. Ossär: Frakturheilung, Morbus Paget, Osteomalazie und Vitamin-D-Mangel, Knochenmetastasen, Hyperparathyreoidismus, Wachstum. Weitere: Schwangerschaft (Plazenta), Hyperthyreose, Regenerationsphase nach Hepatitis, Herzinsuffizienz.
AP↓ (selten, aber verräterisch): Hypophosphatasie, Zinkmangel, schwere Mangelernährung, Hypothyreose, Morbus Wilson (fulminant), nach Massivtransfusion, perniziöse Anämie.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDAP↑ — Leber oder Knochen? GGT entscheidet in einem Schritt; alternativ AP-Isoenzyme.
  • DDIsolierte AP-Erhöhung bei ansonsten unauffälliger Leber → Vitamin-D-Status, Calcium, Phosphat und PTH prüfen.
  • CaveSehr niedrige AP zusammen mit Hämolyse und akutem Leberversagen bei jungen Patienten → an Morbus Wilson denken.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
AP↑ + GGT↑ + direktes Bilirubin↑ + gestaute Gallenwegeposthepatische CholestaseERCP planen; bei Fieber und Schmerz Cholangitis-Notfall.
AP↑ + GGT normal + Calcium/Phosphat auffälligossäre UrsacheRöntgen/Szintigraphie, PTH und Vitamin D.
AP↑ + GGT↑ + Bilirubin↑ + Fieber + Schmerz im rechten Oberbauchakute Cholangitis (Charcot-Trias)Antibiotika plus dringliche Gallenwegsentlastung.
Bilirubin gesamt < 1,2 mg/dl direkt/indirekt
Definition

Was: Abbauprodukt des Häm; indirekt (unkonjugiert) = vor der Leber, direkt (konjugiert) = nach Verstoffwechslung in der Leber.

Anzeige & Warum: Differenzierung indirekt/direkt verrät die Etage der Störung (siehe unten).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Indirekt (unkonjugiert) führend: Hämolyse (hämolytische Transfusionsreaktion, mechanisch bei ECMO/Impella/Kunstklappe, mikroangiopathisch bei TTP/HUS/HELLP, autoimmun, Medikamente), Resorption großer Hämatome, Massivtransfusion, ineffektive Erythropoese, Morbus Meulengracht (Gilbert). Direkt (konjugiert) führend: intrahepatisch — Hepatitis, Zirrhose, Sepsis-Cholestase, parenterale Ernährung, medikamentös, Schwangerschaftscholestase; extrahepatisch — Choledocholithiasis, Pankreaskopftumor, Cholangitis, PSC, Striktur, Klatskin-Tumor.
Ohne Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • PraxisDer Ikterus auf ICU ist meist multifaktoriell: Sepsis + parenterale Ernährung + Medikamente + Transfusion/Hämolyse gleichzeitig.
  • DDSepsis-assoziierte Cholestase: Bilirubin steigt bei nur mäßig erhöhten Enzymen und unauffälliger Sonographie — kein ERCP-Fall.
  • FalleMorbus Meulengracht: isoliertes indirektes Bilirubin, das unter Fasten und Stress steigt — harmlos, wird auf ICU regelmäßig überbewertet.
  • CaveBilirubin ist Bestandteil von SOFA und MELD — der Verlauf hat direkte prognostische Bedeutung.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
indirektes Bilirubin↑ + LDH↑ + Haptoglobin↓ + Retikulozyten↑HämolyseUrsache klären: Transfusionsreaktion, mechanisch, mikroangiopathisch.
direktes Bilirubin↑ + AP/GGT↑ + Fieber + Oberbauchschmerzakute CholangitisNotfall — Antibiotika und Gallenwegsentlastung.
Bilirubin↑ + INR↑ + EnzephalopathieLeberversagenSchweregrad über MELD/King's College abschätzen.
Bilirubin↑ + Thrombozyten↓ + Fragmentozyten + Kreatinin↑thrombotische MikroangiopathieTTP/HUS — Plasmaaustausch ist zeitkritisch.
indirekt ↑ überwiegtprähepatisch — Hämolyse, ineffektive Erythropoese, Gilbert-Syndrom
direkt ↑ überwiegthepatisch/posthepatisch — Hepatozyten-Schaden oder Gallenwegsobstruktion (+ heller Stuhl, dunkler Urin)
Albumin 3,5–5,2 g/dl Syntheseparameter · HWZ ~20 d
Definition

Was: wichtigstes Plasmaprotein, ausschließlich in der Leber gebildet.

Anzeige: langfristige Syntheseleistung + onkotischer Druck.

Warum: niedrig bei chronischem Leberversagen — aber unspezifisch (auch Mangelernährung, Verlust, „capillary leak“ in der Sepsis). Lange Halbwertszeit → träge.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Nur relativ bei Exsikkose (Hämokonzentration) — ein echter Albuminüberschuss existiert nicht.
Sepsis und Capillary-Leak-Syndrom, Leberzirrhose, nephrotisches Syndrom, exsudative Enteropathie, Mangelernährung, ausgedehnte Verbrennung, Aszites- und Drainageverluste, Hämodilution nach großer Volumengabe, jede systemische Entzündung (negatives Akutphaseprotein), Malignom, Katabolismus.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • FalleAlbumin ist auf ICU kein Ernährungsmarker. Der Abfall entsteht durch Entzündung, Umverteilung und Verdünnung — Kalorienzufuhr hebt ihn nicht an.
  • PraxisEin niedriges Albumin verändert die Pharmakokinetik stark eiweißgebundener Medikamente (Phenytoin, Ceftriaxon, Valproat) — freier Wirkstoffanteil steigt.
  • RechnenAlbumin↓ senkt die berechnete Anionenlücke und das Gesamt-Calcium — beides korrigiert bzw. ionisiert bewerten.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Albumin↓ + Proteinurie + generalisierte Ödeme + Hyperlipidämienephrotisches SyndromUrin-Eiweiß/Kreatinin-Quotient, Nephrologie einbinden.
Albumin↓ + INR↑ + Bilirubin↑ + ChE↓hepatische Synthesestörungchronisch, wenn Albumin führend; akut, wenn INR führend.
Serum-Aszites-Albumin-Gradient ≥ 1,1 g/dlportale Hypertension< 1,1 spricht für peritoneale Ursache (Karzinose, Tuberkulose).
Albumin↓ + CRP↑ + Ödeme trotz HypovolämieCapillary-Leak bei SepsisAlbuminsubstitution ersetzt keine Kausaltherapie.
Cholinesterase (ChE / PChE) ~5–12 kU/l Syntheseparameter · schneller als Albumin
Definition

Was: ebenfalls in der Leber synthetisiertes Enzym, kürzere Halbwertszeit.

Anzeige: aktuelle Syntheseleistung.

Warum: sinkt bei Leberinsuffizienz schneller als Albumin; zusätzlich erniedrigt bei Vergiftung mit Organophosphaten / Insektiziden.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Adipositas und Fettleber, Diabetes mellitus, nephrotisches Syndrom (Frühphase), Hyperlipidämie, exsudative Enteropathie.
Leberinsuffizienz (akut und chronisch), Vergiftung mit Organophosphaten oder Carbamaten (Insektizide, Nervenkampfstoffe), Mangelernährung, Sepsis, Schwangerschaft, Zytostatika, chronische Entzündung, genetisch atypische Pseudocholinesterase.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • Notfall-DDChE↓ + Miosis + Bronchorrhö + Bradykardie + Faszikulationen → Organophosphatvergiftung. Atropin nach Wirkung (Sekretion!), Obidoxim, konsequenter Eigenschutz.
  • AnästhesieAtypische Pseudocholinesterase: nach Succinylcholin oder Mivacurium anhaltende Relaxierung und verzögerte Extubation — Nachbeatmung, kein Antidot.
  • PraxisAls Verlaufsparameter der Lebersynthese reagiert die ChE schneller als Albumin (Halbwertszeit ~10 Tage vs. ~20 Tage), aber langsamer als der INR.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
ChE↓ + Albumin↓ + INR↑Lebersynthesestörungalle drei Parameter fallen gemeinsam — Schweregrad über INR und Bilirubin.
ChE↓↓ isoliert + cholinerges SyndromOrganophosphatvergiftungzeitkritisch; Erythrozyten-Acetylcholinesterase bestätigt.
ChE↓ isoliert + prolongierte Relaxierung nach Succinylcholinatypische Pseudocholinesterasedokumentieren — für künftige Narkosen relevant.
Quick / INR → siehe Gerinnung akutester Syntheseparameter
Definition

Warum hier: Gerinnungsfaktoren werden in der Leber gebildet und haben sehr kurze Halbwertszeiten (Faktor VII ~6 h). Ein steigender INR ist daher der schnellste Hinweis auf akutes Syntheseversagen — Kernkriterium beim akuten Leberversagen.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
INR↑: akutes und chronisches Leberversagen, Vitamin-K-Mangel (Cholestase, Malabsorption, lange Antibiotikatherapie, parenterale Ernährung ohne Vitamin K), Cumarine, Verbrauchskoagulopathie, Verdünnung bei Massivtransfusion, Hypothermie und schwere Azidose, Faktor-Xa-Hemmer (methodenabhängig).
Ein hoher Quick-Wert hat keine eigenständige Bedeutung und beweist keine Hyperkoagulabilität.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDVitamin-K-Mangel oder Synthesestörung? Nach 10 mg Vitamin K i. v. bessert sich der INR beim Mangel innerhalb von 12–24 h deutlich, bei der Synthesestörung kaum.
  • DDFaktor V ist nicht Vitamin-K-abhängig: Faktor V↓ spricht für Lebersynthesestörung, Faktor V normal für Vitamin-K-Mangel oder Cumarin.
  • FalleBei Zirrhose ist der INR kein Blutungsrisikomarker — Pro- und Antikoagulanzien fallen gemeinsam ab („rebalanced hemostasis“); prophylaktische Plasmagabe ist nicht indiziert.
  • CaveVitamin-K-Gabe vor der Blutentnahme verwischt die Diagnostik — erst abnehmen, dann substituieren.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
INR↑ + Bilirubin↑ + Enzephalopathie ohne Vorerkrankungakutes LeberversagenTransplantationszentrum früh kontaktieren.
INR↑ + aPTT↑ + Fibrinogen↓ + Thrombozyten↓ + D-Dimere↑↑VerbrauchskoagulopathieGrunderkrankung behandeln — Substitution nur bei Blutung.
INR↑ + normale Transaminasen + Cholestase/AntibioseVitamin-K-Mangelgut und schnell korrigierbar.
Ammoniak (NH₃) 11–35 µmol/l Entgiftungsfunktion
Definition

Was: Stickstoff-Abbauprodukt, das die gesunde Leber über den Harnstoffzyklus entgiftet.

Anzeige: Entgiftungsversagen.

Warum: steigt bei Leberversagen / portosystemischem Shunt und korreliert grob mit der hepatischen Enzephalopathie. Präanalytik wichtig (gekühlt, schnell ins Labor).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Akutes und chronisches Leberversagen, portosystemischer Shunt (auch nach TIPS), gastrointestinale Blutung, Obstipation, Infektion, Hypokaliämie und Alkalose, hohe Eiweißlast, Valproat, Harnstoffzyklusdefekte (auch mit Erstmanifestation im Erwachsenenalter), Urease-bildende Harnwegsinfekte (Proteus), Ureterosigmoidostomie, Chemotherapie-assoziiert, nach bariatrischer Operation.
Ohne Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • PräanalytikFalsch hohe Werte durch verzögerten, ungekühlten Transport, Stauung, Faustschluss, hämolytische Probe und Rauchen — gekühlt und sofort ins Labor.
  • DDKoma mit hohem Ammoniak bei normalen Leberwerten → an Valproat-induzierte Hyperammonämie oder einen Harnstoffzyklusdefekt denken (Carnitin, Levocarnitin).
  • FalleDie Höhe korreliert nur grob mit der Enzephalopathie — die klinische Einschätzung (West-Haven) steuert die Therapie, nicht der Laborwert.
  • PraxisBei jeder hepatischen Enzephalopathie den Auslöser suchen: Blutung, Infektion, Obstipation, Elektrolytstörung, Sedativa, Diuretika, Eiweißlast.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
NH₃↑ + INR↑ + Bilirubin↑ + Vigilanzminderunghepatische EnzephalopathieLaktulose, Rifaximin, Auslöser beseitigen.
NH₃ > 150–200 µmol/l beim akuten LeberversagenHirnödemrisikoNeuromonitoring, Kopfhochlagerung, Normokapnie, Osmotherapie erwägen.
NH₃↑ + Valproat + normale TransaminasenValproat-induzierte HyperammonämieValproat absetzen; L-Carnitin erwägen.
LDH < 250 U/l Laktatdehydrogenase · unspezifisch
Definition

Was: in nahezu allen Zellen vorhandenes Enzym.

Anzeige: Zelluntergang allgemein — Hämolyse, Tumorlyse, Infarkt, Muskelschaden.

Warum: unspezifisch, aber als Zusatzpuzzlestück nützlich (z. B. LDH↑ + indirektes Bilirubin↑ + Haptoglobin↓ → Hämolyse).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Hämolyse (in vivo und im Röhrchen), Tumorlysesyndrom, Lymphome und Leukämien (auch Prognosemarker), Myokard- und Lungeninfarkt, Rhabdomyolyse, Leberschädigung jeder Art, thrombotische Mikroangiopathien (TTP, HUS, HELLP), Pneumocystis-Pneumonie, megaloblastäre Anämie, ausgedehnte Nekrose, Pankreatitis.
Ohne Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • Erster SchrittLDH↑ ohne passende Klinik → Präanalytik prüfen: hämolytische Probe ist die häufigste Ursache.
  • DDLDH ist Bestandteil des Hämolyse-Trios (LDH↑, Haptoglobin↓, indirektes Bilirubin↑) — allein ist der Wert kaum verwertbar.
  • PraxisBei immunsupprimierten Patienten mit Hypoxämie und diffusen Infiltraten ist eine deutlich erhöhte LDH ein Hinweis auf Pneumocystis-Pneumonie.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
LDH↑ + Haptoglobin↓ + indirektes Bilirubin↑ + Fragmentozyten + Thrombozyten↓thrombotische MikroangiopathieTTP/HUS/HELLP — Plasmaaustausch bzw. Entbindung sind zeitkritisch.
LDH↑ + K⁺↑ + Phosphat↑ + Harnsäure↑ + Ca²⁺↓TumorlysesyndromRasburicase, Volumen, Dialysebereitschaft.
LDH↑↑ + AST/ALT↑↑ mit raschem Abfallischämische Schocklebertypische Kinetik nach Kreislaufereignis.
LDH↑ + B-Symptomatik + LymphadenopathieLymphomHöhe der LDH geht in die Prognose-Scores ein.
Lipase < 60 U/l Pankreas · Leitenzym
Definition

Was: fettspaltendes Enzym, fast ausschließlich aus dem exokrinen Pankreas.

Anzeige: akute Pankreatitis.

Warum: spezifischer und länger erhöht als Amylase → Leitenzym der Pankreasdiagnostik. Diagnose: > 3-fach über Norm + passende Klinik (Gürtelschmerz). Höhe korreliert nicht mit Schweregrad.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Akute Pankreatitis: biliär (Steine), äthyltoxisch, nach ERCP, Hypertriglyzeridämie, Hyperkalzämie, medikamentös (Azathioprin, Valproat, Furosemid, Thiazide, GLP-1-Analoga, Antiretrovirale), Trauma, ischämisch nach Schock oder Reanimation, autoimmun, viral. Nicht-pankreatisch: Niereninsuffizienz, mesenteriale Ischämie, Ulkusperforation, Ileus, Cholezystitis, diabetische Ketoazidose, Makrolipasämie.
Bei ausgeprägter exokriner Pankreasinsuffizienz oder chronischer Pankreatitis kann die Lipase trotz Beschwerden normal sein.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDLipase 1- bis 3-fach erhöht ist keine Pankreatitis-Diagnose — an Niereninsuffizienz, Ileus, Perforation und Mesenterialischämie denken.
  • FalleBei nekrotisierender Pankreatitis kann die Lipase im Verlauf wieder normal werden — die Klinik und der CT-Befund führen dann.
  • FalleDie Höhe korreliert nicht mit dem Schweregrad; Verlaufskontrollen der Lipase steuern die Therapie nicht.
  • CaveBei Hypertriglyzeridämie als Ursache kann die Lipase methodisch falsch niedrig gemessen werden.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Lipase > 3× oberer Normwert + gürtelförmiger Oberbauchschmerzakute Pankreatitis2 von 3 Kriterien reichen — CT nur bei Unklarheit oder Komplikationsverdacht.
Lipase↑ + AP/GGT↑ + Bilirubin↑ ± Fieberbiliäre Pankreatitisbei Cholangitis dringliche ERCP, sonst Cholezystektomie im Verlauf.
Lipase↑ + Triglyzeride > 1000 mg/dlhypertriglyzeridämische PankreatitisInsulin-Glukose-Infusion, ggf. Apherese.
Lipase↑ + Ca²⁺↓ + CRP↑↑ + Kreatinin↑ + Hkt↑schwere Verlaufsformfrühe aggressive Volumentherapie, Intensivüberwachung.
Amylase < 100 U/l Pankreas + Speicheldrüsen
Definition

Was: stärkespaltendes Enzym aus Pankreas und Speicheldrüsen.

Anzeige: Pankreatitis, aber unspezifischer.

Warum: steigt früher, fällt aber rascher; falsch ↑ bei Speicheldrüsenerkrankung, Niereninsuffizienz, Makroamylasämie. Heute meist nur ergänzend zur Lipase.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Akute Pankreatitis, Speicheldrüsenerkrankungen (Parotitis, Mumps, Sialolithiasis, nach Bestrahlung), Niereninsuffizienz, Makroamylasämie, gynäkologisch (Extrauteringravidität, Ovarialtumor), Ileus und Perforation, mesenteriale Ischämie, diabetische Ketoazidose, Anorexie und Bulimie, Alkoholabusus, Lungenkarzinom (ektope Produktion).
Ohne relevanten Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDAmylase↑ bei normaler Lipase → extrapankreatisch: Speicheldrüsen, Niereninsuffizienz, Makroamylasämie.
  • PraxisAmylase steigt früher, fällt aber innerhalb von 2–3 Tagen ab — bei später Vorstellung kann sie normal sein, während die Lipase noch erhöht ist.
  • PraxisMakroamylasämie: dauerhaft erhöhte Amylase ohne Klinik, niedrige Amylase-Clearance im Urin — harmlos, aber Anlass für unnötige Diagnostik.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Amylase↑ + Lipase normal + ParotisschwellungSialadenitiskein abdomineller Notfall.
Amylase↑ + Lipase↑ + Kreatinin↑eingeschränkte Clearancebeide Werte sind bei Niereninsuffizienz unspezifisch erhöht — Klinik entscheidet.
Amylase↑ + akutes Abdomen + Laktat↑Perforation / Mesenterialischämienicht auf die Pankreatitis-Diagnose festlegen — Bildgebung.
Muster auf einen Blick — Entscheidungsbaum
Welche der 3 Gruppen ist führend?
ALT/AST ↑↑ (GLDH/LDH ↑)① hepatozellulär
De-Ritis < 1 viral/toxisch · > 1 alkoholisch/Zirrhose · AST > 1000 → ischämische „Schockleber“
AP / GGT / Bilirubin ↑↑② cholestatisch
GGT bestätigt hepatische Herkunft · direktes Bilirubin → Obstruktion vs. Sepsis-Cholestase
Albumin ↓ · ChE ↓ · INR ↑③ Syntheseversagen
INR ist der schnellste Marker → akutes Leberversagen; Bilirubin + INR für Schweregrad
Ammoniak ↑Entgiftungsversagen
→ hepatische Enzephalopathie (Vigilanz prüfen)
Lipase > 3× NormPankreatitis
eigenes Organ — bei abdominellem Schmerz/Schock immer mitdenken
05Gerinnung
Grundprinzip — zwei Wege, ein Ziel Die Gerinnung läuft über zwei Aktivierungswege, die beide im gemeinsamen Endweg (→ Fibrin) münden. Quick/INR misst den extrinsischen Weg (Faktor VII), aPTT den intrinsischen Weg (VIII, IX, XI, XII). Daraus folgt die ganze Logik unten: welcher Test verlängert ist, verrät, welcher Weg gestört ist.
Quick / INR Quick 70–120 % · INR 0,8–1,2 extrinsischer Weg + Endstrecke
Definition

Was gemessen wird: Wie schnell Plasma nach Zugabe von Gewebethromboplastin (Faktor III) gerinnt — also der über Faktor VII gestartete extrinsische Weg plus die gemeinsame Endstrecke (X, V, II, Fibrinogen). Quick ist der Prozentwert gegen Normalplasma; der INR normiert diesen laborübergreifend (genau dafür erfunden), damit eine Cumarin-Therapie überall vergleichbar steuerbar ist.

Anzeige / warum: Faktor VII hat die kürzeste Halbwertszeit (~6 h) → der INR reagiert am schnellsten auf Lebersynthesestörung, Vitamin-K-Mangel und Cumarine (Vit-K-abhängig: II, VII, IX, X).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
INR↑ / Quick↓: Vitamin-K-Antagonisten, Vitamin-K-Mangel, Lebersynthesestörung, Verbrauchskoagulopathie, Verdünnung bei Massivtransfusion, Faktor-VII-Mangel, Hypothermie < 34 °C, schwere Azidose, Faktor-Xa-Hemmer (methodenabhängig), Amyloidose.
Ein hoher Quick-Wert ist nicht verwertbar und schließt eine Thromboseneigung weder aus noch ein.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDINR↑ unter DOAK: der INR ist kein Monitoring. Für Rivaroxaban/Apixaban kalibrierte Anti-Xa-Bestimmung, für Dabigatran Thrombinzeit bzw. verdünnte Thrombinzeit.
  • FalleHypothermie und Azidose verlängern die Gerinnung in vivo, das Labor misst aber bei 37 °C — die reale Gerinnungslage ist schlechter als der Wert.
  • PraxisBei akuter Blutung sagt das klassische Gerinnungslabor wenig über die Funktion — Viskoelastometrie (ROTEM/TEG) liefert schneller die therapierelevante Information.
  • PräanalytikUnterfülltes Citratröhrchen, Abnahme aus einem heparinisierten Schenkel und ausgeprägte Polyglobulie verfälschen alle Gerinnungswerte.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
INR↑ + aPTT normalextrinsischer Weg / Faktor VIICumarin, Vitamin-K-Mangel oder beginnende Lebersynthesestörung.
INR↑ + aPTT↑ + Fibrinogen↓ + Thrombozyten↓ + D-Dimere↑↑VerbrauchskoagulopathieGrunderkrankung behandeln; Substitution blutungsorientiert.
INR↑ + Hb↓ + MassivtransfusionVerdünnungskoagulopathiefrühes Verhältnis EK:FFP:TK, Fibrinogen und Calcium mitführen.
INR↑ + Hypothermie + Azidose + Blutungletale TriasWärmen, Perfusion, Blutungskontrolle — Substitution allein reicht nicht.
aPTT 26–36 s intrinsischer Weg + Endstrecke · activated Partial Thromboplastin Time
Definition

Was gemessen wird: Gerinnungszeit nach Aktivierung des intrinsischen Weges (ohne Gewebefaktor) — erfasst Faktoren XII, XI, IX, VIII plus gemeinsame Endstrecke.

Anzeige / warum: Standardmonitoring für unfraktioniertes Heparin (UFH); verlängert außerdem bei Hämophilie A/B (VIII/IX) und Lupus-Antikoagulans.

Cave: niedermolekulares Heparin (NMH) und DOAKs verändern die aPTT kaum — dafür Anti-Xa bzw. spezifische Tests.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Unfraktioniertes Heparin, Hämophilie A und B, von-Willebrand-Syndrom, Lupus-Antikoagulans (verlängert die aPTT, verursacht aber Thrombosen), Faktor-XII-Mangel (ohne Blutungsneigung), Lebersynthesestörung, Verbrauchskoagulopathie, direkte Thrombininhibitoren (Argatroban, Dabigatran), Verdünnung, erworbene Faktor-VIII-Hemmkörper.
Verkürzte aPTT bei Akutphasereaktion mit hohem Faktor VIII, ausgeprägter Hyperkoagulabilität oder zu langer Stauung — als Hinweis auf Thrombophilie unzuverlässig.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • Erster SchrittPräanalytik ausschließen: Abnahme aus dem Heparinschenkel, unterfülltes Röhrchen, langes Stauen — bei überraschendem Befund neu abnehmen.
  • DDPlasmatauschversuch (Mischtest): normalisiert sich die aPTT mit Normalplasma → Faktormangel; bleibt sie verlängert → Inhibitor oder Lupus-Antikoagulans.
  • FalleNMH und Faktor-Xa-Hemmer verändern die aPTT kaum — eine normale aPTT beweist keine fehlende Antikoagulation. Anti-Xa bestimmen.
  • Praxis„Heparinresistenz“ (Zieldosis wird nicht erreicht) → Antithrombin III messen; Heparin braucht AT III als Kofaktor.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
aPTT↑ + Thrombozyten↓ > 50 % ab Tag 5–10 unter Heparin + neue ThromboseHIT Typ IIHeparin sofort stoppen, Argatroban oder Danaparoid, 4T-Score und Antikörper.
aPTT↑ isoliert + Mischtest normalisiert nicht + ThrombosenLupus-Antikoagulansparadox: Blutungstest verlängert, Klinik thrombophil.
aPTT↑ + INR↑ + Fibrinogen↓ + D-Dimere↑↑VerbrauchskoagulopathieGrunderkrankung ist die Therapie.
aPTT↑ nur bei Abnahme aus dem liegenden KatheterPräanalytikperipher neu abnehmen, bevor die Therapie geändert wird.
Fibrinogen (Faktor I) 180–400 mg/dl Substrat der Gerinnung + Akutphase
Definition

Was: das Endsubstrat, das von Thrombin zu Fibrin vernetzt wird, zugleich Akutphaseprotein (steigt bei Entzündung).

Anzeige / warum: niedriges Fibrinogen = echter Mangel an „Baumaterial“ → Verbrauch (DIC), Verdünnung (Massivtransfusion), Lebersynthesestörung. Kritisch < 100–150 mg/dl bei Blutung → Substitution erwägen.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Akutphasereaktion: Infektion, Sepsis, größere Operation, Trauma, Malignom, Schwangerschaft, chronische Entzündung, nephrotisches Syndrom.
Verbrauchskoagulopathie, Hyperfibrinolyse (Polytrauma, geburtshilfliche Notfälle, Lebertransplantation, Prostata-Eingriffe), Massivtransfusion und Verdünnung, Lebersynthesestörung, Thrombolysetherapie, Asparaginase, angeborene A- oder Dysfibrinogenämie, extrakorporale Verfahren.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • FalleFibrinogen ist ein Akutphaseprotein — bei Sepsis liegt der Ausgangswert hoch. Ein „normales“ Fibrinogen kann bereits einen erheblichen Verbrauch bedeuten; der Verlauf zählt.
  • PraxisBei geburtshilflicher Blutung ist Fibrinogen der beste Frühindikator für den weiteren Verlauf — Schwellenwerte liegen hier höher (< 200 mg/dl kritisch).
  • PraxisFIBTEM in der Viskoelastometrie liefert die Information in Minuten statt in einer halben Stunde.
  • DDDysfibrinogenämie: funktioneller Wert (Clauss) niedrig bei normaler Antigenkonzentration.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Fibrinogen < 150 mg/dl + aktive Blutungsubstitutionspflichtiger MangelFibrinogenkonzentrat oder Kryopräzipitat, Ziel > 150–200 mg/dl.
Fibrinogen↓ + D-Dimere↑↑ + Thrombozyten↓ + INR↑VerbrauchskoagulopathieISTH-Score; Grunderkrankung behandeln.
Fibrinogen↓↓ + rasch auflösendes Gerinnsel + TraumaHyperfibrinolyseTranexamsäure früh (innerhalb von 3 h).
Fibrinogen↑ + CRP↑ + Thrombozyten↑Akutphasereaktionkein Gerinnungsproblem — Entzündungsgeschehen suchen.
D-Dimere < 0,5 mg/l (FEU) Fibrin-Spaltprodukt
Definition

Was: Bruchstücke, die entstehen, wenn quervernetztes Fibrin von Plasmin wieder aufgelöst wird (Fibrinolyse). Ihr Nachweis beweist, dass irgendwo Gerinnsel gebildet und abgebaut wurden.

Anzeige / warum: Such-/Ausschlusstest für tiefe Venenthrombose & Lungenembolie.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Tiefe Venenthrombose und Lungenembolie, Verbrauchskoagulopathie, Sepsis, Operation und Trauma, Malignom, Schwangerschaft und Wochenbett, Aortendissektion, große Hämatome, Vorhofflimmern, Niereninsuffizienz, höheres Lebensalter, ausgedehnte Entzündung, nach Reanimation.
Ein negativer Wert schließt bei niedriger bis mittlerer Vortestwahrscheinlichkeit eine Thromboembolie weitgehend aus — auf ICU ist diese Voraussetzung praktisch nie erfüllt.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • PraxisAuf Intensivstation ist der Test fast immer positiv und damit diagnostisch wertlos; bei Verdacht direkt zur Bildgebung (CT-Angiographie, Kompressionssonographie, Echokardiographie).
  • RechnenAltersadjustierter Grenzwert ab 50 Jahren: Alter × 10 µg/l (FEU) — reduziert falsch positive Befunde in der Notaufnahme.
  • DDBei Thoraxschmerz mit erhöhten D-Dimeren immer auch an die Aortendissektion denken (Blutdruckdifferenz, Pulsstatus, Echo/CT).
  • FalleBei Antikoagulation und bei sehr kleinen, distalen Thromben kann der Wert trotz Thrombose negativ sein.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
D-Dimere↑ + Troponin↑ + NT-proBNP↑ + rechtsventrikuläre DilatationLungenembolie mit RechtsherzbelastungRisikostratifizierung entscheidet über Lyse oder Antikoagulation allein.
D-Dimere↑↑ + Fibrinogen↓ + Thrombozyten↓ + INR↑VerbrauchskoagulopathieISTH-Score berechnen.
D-Dimere negativ + niedrige Wells-Score-WahrscheinlichkeitThromboembolie unwahrscheinlichnur außerhalb der Intensivstation belastbar.
negativ + niedrige VortestwahrscheinlichkeitTVT/LAE praktisch ausgeschlossen — hoher negativer prädiktiver Wert
positivunspezifisch — auf ICU fast immer ↑ (OP, Trauma, Sepsis, Niereninsuffizienz, Tumor, Schwangerschaft). Beweist keine Thrombose
Thrombozyten 150–400 /nl · AT III 80–120 %
Definition

Thrombozyten: primäre Hämostase (Plättchenpfropf).

Antithrombin III: körpereigener Hemmstoff — bei Mangel wirkt Heparin schlechter (Heparin braucht AT III als Kofaktor).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Thrombozytose: reaktiv bei Infektion, Blutung, Eisenmangel, nach Splenektomie, postoperativ, bei Malignom; essenzielle Thrombozythämie und andere myeloproliferative Erkrankungen.
Thrombozytopenie: Sepsis und Verbrauchskoagulopathie, HIT Typ II, Verdünnung nach Massivtransfusion, Splenomegalie bei portaler Hypertension, Immunthrombozytopenie, thrombotische Mikroangiopathien (TTP, HUS, HELLP), Medikamente (Linezolid, Vancomycin, Metamizol, Valproat, GPIIb/IIIa-Antagonisten, Chemotherapie), extrakorporale Verfahren (ECMO, IABP, Impella, CVVHD), Alkohol, Vitamin-B12- und Folsäuremangel, Knochenmarkinfiltration, Posttransfusionspurpura. AT III↓: Verbrauch bei Sepsis/DIC, Lebersynthesestörung, nephrotisches Syndrom, Heparinlangzeittherapie, angeborener Mangel.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • PseudoEDTA-induzierte Pseudothrombozytopenie zuerst ausschließen: Kontrolle im Citratröhrchen und Blutausstrich (Plättchenaggregate).
  • DDThrombozytopenie auf ICU ist meist multifaktoriell. Die entscheidende Frage: Verbrauch (DIC, TMA, HIT), verminderte Bildung (Knochenmark) oder Verteilung/Verdünnung?
  • ZeitachseHIT II hat ein charakteristisches Zeitfenster: Abfall > 50 % zwischen Tag 5 und 10 nach Heparinbeginn (früher bei Reexposition) — 4T-Score vor der Antikörperbestimmung.
  • Falle„Heparinresistenz“ ohne HIT → AT III messen; ohne Kofaktor wirkt UFH nicht.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Thrombozyten↓ + Fragmentozyten + LDH↑ + Kreatinin↑ + neurologische Symptomethrombotische MikroangiopathieTTP/HUS — Plasmaaustausch zeitkritisch, keine Thrombozytentransfusion.
Thrombozyten↓ Tag 5–10 unter Heparin + neue ThromboseHIT Typ IIalle Heparine stoppen (auch Spülungen), Argatroban oder Danaparoid.
Thrombozyten↓ + Fibrinogen↓ + D-Dimere↑↑ + INR↑ bei SepsisVerbrauchskoagulopathieGrunderkrankung behandeln.
Thrombozyten↓ + Splenomegalie + Albumin↓ + INR↑portale Hypertension bei Zirrhosechronisch, meist stabil — keine Substitution ohne Blutung.
aPTT trotz hoher UFH-Dosis nicht im Ziel + AT III↓AntithrombinmangelAT-III-Substitution erwägen oder auf Argatroban wechseln.
Auffälligkeit zuordnen — Entscheidungsbaum
Welcher Test ist verlängert?
nur INR ↑extrinsisch (Faktor VII)
Lebersynthese · Vitamin-K-Mangel · Cumarine
nur aPTT ↑intrinsisch
UFH-Heparin · Hämophilie A/B · Lupus-Antikoagulans
beide ↑Endstrecke / global
schwere Lebererkrankung · Massivtransfusion · DIC · hochdosiert Antikoagulation
Thrombo ↓ + Fibrinogen ↓ + D-Dimere ↑↑ + INR ↑Verbrauchskoagulopathie (DIC)
Sepsis, Trauma, geburtshilflich → Grunderkrankung behandeln
ICU-Cave Isolierter Thrombozytenabfall unter Heparin (Tag 5–10, Abfall > 50 %) → an HIT II denken (paradoxe Thrombosen). Bei Blutung sagt das klassische Gerinnungslabor wenig über die Funktion — Viskoelastometrie (ROTEM/TEG) ergänzt schneller.
06Blutbild
Hämoglobin ♀ 12–16 · ♂ 14–18 g/dl
Definition

Was: sauerstofftransportierendes Protein der Erythrozyten.

Anzeige: O₂-Transportkapazität — Anämie bzw. Polyglobulie.

Warum: ICU-Transfusionsschwelle meist restriktiv (< 7 g/dl, kardial/Blutung < 8). Bei akuter Blutung hinkt der Hb nach (erst nach Verdünnung aussagekräftig).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Exsikkose (Pseudopolyglobulie), chronische Hypoxie bei COPD oder Schlafapnoe, Rauchen, Polycythaemia vera, Erythropoetin-Missbrauch, Aufenthalt in großer Höhe, paraneoplastische EPO-Bildung (Nierenzell-, Leberzellkarzinom).
Akute und okkulte Blutung, Hämolyse, Hämodilution, renale Anämie, Anämie der kritischen Erkrankung (Entzündung, Eisenverwertungsstörung, EPO-Mangel), Eisen-, Vitamin-B12- und Folsäuremangel, Knochenmarksuppression durch Medikamente oder Sepsis, Verluste über extrakorporale Verfahren und — nicht zu unterschätzen — diagnostische Blutentnahmen.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • FalleBei akuter Blutung ist der Hb zunächst normal — erst mit Volumengabe und Umverteilung fällt er. Kreislauf, Laktat und Klinik führen.
  • DDHb↓ mit MCV↓ → Eisenmangel oder chronische Blutung; MCV↑ → Vitamin B12/Folsäure, Alkohol, Retikulozytose; MCV normal → Blutung, Hämolyse, Entzündungsanämie.
  • PraxisFerritin ist ein Akutphaseprotein — auf ICU ist ein normales Ferritin kein Ausschluss eines Eisenmangels; Transferrinsättigung ergänzen.
  • PraxisRestriktive Transfusionsstrategie ist bei den meisten Intensivpatienten mindestens gleichwertig — Ausnahmen: aktive Blutung, akutes Koronarsyndrom.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Hb↓ + Retikulozyten↑ + LDH↑ + Haptoglobin↓ + indirektes Bilirubin↑HämolyseUrsache klären: mechanisch, immunologisch, mikroangiopathisch.
Hb↓ + Harnstoff/Kreatinin↑↑ + Melaenaobere gastrointestinale BlutungEndoskopie, PPI, Kreislaufstabilisierung.
Hb↓ + MCV↓ + Ferritin↓ + Transferrinsättigung↓EisenmangelanämieBlutungsquelle suchen, nicht nur substituieren.
Hb↑ + Hkt↑ + Na⁺↑ + Harnstoff↑ExsikkosePseudopolyglobulie — kein Aderlassgrund.
ICU-Transfusionsschwelle meist restriktiv Hb < 7 g/dl (kardial/aktive Blutung < 8). Akute Blutung: Hb hinkt nach.
Hämatokrit ♀ 37–47 · ♂ 40–54 % · Leukozyten 4–10 /nl · Thrombozyten 150–400 /nl
Definition

Hämatokrit: zellulärer Volumenanteil des Blutes — ↑ bei Exsikkose, ↓ bei Anämie/Dilution.

Leukozyten: Zellen der Abwehr; < 4 oder > 12 /nl = SIRS-Kriterium (Linksverschiebung/Stabkernige beachten).

Thrombozyten: primäre Hämostase. Abfall → Verbrauch (DIC/Sepsis), HIT (Heparin!), Dilution, Splenomegalie.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Leukozytose: bakterielle Infektion, Steroide (Demargination), Katecholamine und Stress, Trauma und Operation, Krampfanfall, Nekrose oder Infarkt, Verbrennung, Leukämie, nach Splenektomie, G-CSF-Gabe, Rauchen. Hämatokrit↑: Exsikkose, Polyglobulie, Verbrennung (Plasmaverlust).
Leukopenie: schwere Sepsis (prognostisch ungünstig), Virusinfektion, Medikamente (Metamizol, Clozapin, Linezolid, Zytostatika, Thyreostatika), Knochenmarkinsuffizienz, Hypersplenismus, Autoimmunerkrankungen, Strahlentherapie, Alkohol. Hämatokrit↓: Blutung, Hämodilution, Anämie.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • FalleLeukozytose beweist auf ICU keine Infektion — Steroide, Katecholamine, Stress und Operation erklären sie ebenso. Differenzialblutbild und Verlauf beurteilen.
  • DDLeukopenie mit Fieber → febrile Neutropenie bis zum Beweis des Gegenteils: Blutkulturen und kalkulierte Antibiose innerhalb einer Stunde.
  • DDLinksverschiebung (stabkernige Granulozyten↑) und toxische Granulation sprechen für eine bakterielle Genese, auch bei normaler Gesamtleukozytenzahl.
  • PraxisEosinophilie auf ICU: Medikamentenreaktion, interstitielle Nephritis, Nebenniereninsuffizienz, Parasitose, Vaskulitis.
  • PraxisLymphopenie ist ein häufiger und prognostisch ungünstiger Befund bei Sepsis und schweren Virusinfektionen.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Leukozyten < 4 oder > 12 /nl + Fieber oder Hypothermie + Tachykardie + TachypnoeSIRSmit Infektfokus und Organdysfunktion → Sepsis (SOFA).
Leukozytose + Linksverschiebung + PCT↑ + CRP↑bakterielle InfektionFokussuche und kalkulierte Antibiose.
Leukopenie + Fieber + Neutrophile < 500/µlfebrile NeutropenieNotfall — sofortige breite Antibiose.
Hkt↑ + Na⁺↑ + Harnstoff/Kreatinin↑ExsikkoseVolumenstatus korrigieren, dann Werte neu bewerten.
Leukozytose isoliert unter Steroiden ohne FieberSteroid-Leukozytosekein Infektbeweis — keine Antibiose allein deswegen.
Leuko < 4 / > 12SIRS-Kriterium; Linksverschiebung & stabkernige beachten
Thrombo ↓Verbrauch (DIC/Sepsis), HIT (Heparin!), Dilution, Splenomegalie
07Infektion & Sepsis
Marker — Normwerte & Kinetik
Definition

CRP: in der Leber gebildetes Akutphaseprotein — träge (Peak 24–48 h), unspezifisch (jede Entzündung/Gewebeschaden).

PCT (Procalcitonin): steigt v. a. bei systemischer bakterieller Infektion (6–12 h); die Clearance steuert die Antibiotika-Deeskalation.

IL-6: Zytokin, das die Akutphase auslöst — steigt am schnellsten (1–3 h), sehr früh, aber unspezifisch.

Warum: die Marker unterscheiden sich v. a. in der Kinetik → Kombination & Verlauf statt Einzelwert; alle können nicht-infektiös ↑ sein (OP, Trauma, Schock).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
CRP↑: jede Entzündung — Infektion, Operation, Trauma, Infarkt, Malignom, rheumatische Erkrankung, Pankreatitis. PCT↑: systemische bakterielle Infektion; falsch positiv bei schwerem Schock, nach Reanimation, Polytrauma, Verbrennung, großer Operation (Tag 1–2), medullärem Schilddrüsenkarzinom, unter Nierenersatzverfahren. IL-6↑: sehr früh bei jeder Entzündung, Zytokinsturm, nach CAR-T-Zelltherapie.
CRP niedrig trotz Infektion bei Leberversagen (Bildungsort!) und unter Immunsuppression. PCT niedrig trotz Infektion bei lokalisierten Infektionen (Abszess, Empyem, Endokarditis, Katheterinfektion, Osteomyelitis), viralen und Pilzinfektionen sowie in den ersten Stunden.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • KernfrageFieber auf ICU ist nicht immer Infektion: Medikamentenfieber, Thrombose und Lungenembolie, Transfusionsreaktion, Pankreatitis, Hämatomresorption, Entzugsdelir, zentrale Hyperthermie, malignes neuroleptisches Syndrom, maligne Hyperthermie, Thyreotoxikose, Nebenniereninsuffizienz.
  • DDCRP↑ bei normalem PCT → eher lokale, virale oder nicht-infektiöse Entzündung; PCT↑↑ bei mäßigem CRP → frühe systemische bakterielle Infektion.
  • PraxisAlle drei Marker ersetzen keine Fokussuche und keine Blutkulturen — sie steuern vor allem Dauer und Deeskalation der Therapie.
  • FalleUnter kontinuierlicher Nierenersatztherapie wird PCT teilweise eliminiert — die Clearance ist dann nicht rein infektionsbedingt.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
PCT↑↑ + Laktat > 2 + Hypotension trotz Volumen + Fokusseptischer Schock1-h-Bündel: Kulturen, Antibiose, Volumen, Vasopressor.
CRP↑ + PCT < 0,5 + lokalisierter Befundlokale oder virale Infektiongegen breite systemische Antibiose abwägen.
PCT-Abfall > 80 % vom Maximum + klinische BesserungTherapieerfolgDeeskalation bzw. Beendigung der Antibiose erwägen.
CRP steigt weiter ab Tag 3–4 unter laufender AntibioseTherapieversagen oder neuer FokusFokuskontrolle: Abszess, Katheter, Empyem, resistenter Erreger, Pilz.
IL-6↑↑ innerhalb weniger Stunden + Kreislaufinstabilitätsehr frühe systemische EntzündungsreaktionCRP und PCT hinken noch hinterher.
MarkerReferenzKinetik / Besonderheit
IL-6< 7 pg/mlsteigt am schnellsten (1–3 h), sehr früh
PCT< 0,5 ng/ml6–12 h, bakteriell-spezifisch
CRP< 5 mg/lträge, Peak 24–48 h
Leukozyten4–10 /nl< 4 oder > 12 = SIRS-Kriterium
Procalcitonin — Einordnung
PCT (ng/ml)Interpretation
< 0,5systemische bakterielle Infektion unwahrscheinlich
0,5–2mögliche Sepsis / lokale Infektion
2–10wahrscheinliche Sepsis
> 10schwere Sepsis / septischer Schock wahrscheinlich
Verlauf statt MomentaufnahmePCT-Clearance steuert die Antibiotika-Deeskalation (Abfall > 80 % vom Peak → Stopp erwägen). Falsch ↑ bei Trauma/OP/kardiogenem Schock.
08Kardiale Marker
Grundprinzip Kardiale Marker beantworten drei verschiedene Fragen: Stirbt Herzmuskel ab? (Troponin) · Ist das Herz überlastet/überdehnt? (NT-proBNP) · Wie groß / welcher Muskel ist der Schaden? (CK / CK-MB). Bei allen gilt: die Dynamik über die Zeit ist aussagekräftiger als der Einzelwert.
hs-Troponin T / I T: < 14 ng/l Myokardnekrose · „high sensitive“
Definition

Was: Strukturprotein des kontraktilen Apparats der Herzmuskelzelle. Wird es ins Blut freigesetzt, sind Kardiomyozyten zugrunde gegangen — herzspezifisch (anders als CK). „hs“ = so empfindlich, dass schon kleinste Mengen messbar sind. Anzeige: Myokardschaden jeder Ursache.

Warum / wie lesen: Diagnose eines Infarkts braucht eine relevante Dynamik (0/1 h- oder 0/3 h-Algorithmus), nicht einen einzelnen Wert. Cave ICU: chronisch/leicht erhöht bei Niereninsuffizienz, Sepsis, Lungenembolie, Myokarditis, Tachyarrhythmie — dort ist der Trend entscheidend, nicht das bloße „positiv“.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Typ-1-Infarkt (Plaqueruptur mit Koronarverschluss). Myokardschaden ohne Koronarverschluss (Typ 2 und nicht-ischämisch): Sepsis, Tachyarrhythmie, hypertensive Entgleisung, schwere Anämie oder Hypoxämie, Lungenembolie, Myokarditis, Takotsubo-Syndrom, Herzkontusion, nach Reanimation und Defibrillation, nach Ablation oder Herzoperation, Chemotherapie (Anthrazykline, Checkpoint-Inhibitoren), chronische Niereninsuffizienz, Subarachnoidalblutung und Schlaganfall, Rhabdomyolyse, Amyloidose, Sport.
Kein Krankheitswert; ein einzelner negativer Wert schließt in der Frühphase nichts aus — Dynamik abwarten.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • KernsatzTroponin↑ ist kein Synonym für Infarkt. Entscheidend sind Klinik, EKG, Echokardiographie und die Dynamik (0/1-h- oder 0/3-h-Algorithmus).
  • DDKonstant leicht erhöht ohne Dynamik → chronischer Myokardschaden (Niereninsuffizienz, Herzinsuffizienz, Hypertrophie) — kein Katheterlabor.
  • DDTyp 1 vs. Typ 2: Typ 1 braucht die Revaskularisation, Typ 2 die Behandlung des auslösenden Missverhältnisses (Sepsis, Tachykardie, Anämie, Hypoxie).
  • PraxisBei anhaltendem Verdacht trotz negativem Erstwert nach 1 bzw. 3 h nachbestimmen — die Kinetik ist die Diagnose.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Troponin-Dynamik + ST-Hebung + AnginaSTEMIsofortige Reperfusion, kein Warten auf weitere Laborwerte.
Troponin↑ + D-Dimere↑ + NT-proBNP↑ + Rechtsherzbelastung im EchoLungenembolieRisikostratifizierung; Lyse bei Instabilität.
Troponin↑ + Sepsis + NT-proBNP↑ ohne EKG-Dynamikseptische KardiomyopathieTherapie ist die Sepsis; Echo zur Verlaufsbeurteilung.
Troponin konstant leicht↑ + Kreatinin↑ ohne Dynamikchronischer MyokardschadenAusgangswert dokumentieren, um künftige Ereignisse beurteilen zu können.
NT-proBNP / BNP NT-proBNP < 125 pg/ml Wandspannung / Herzinsuffizienz
Definition

Was: Wird vom Herzmuskel ausgeschüttet, wenn die Herzwand gedehnt wird (Druck-/Volumenbelastung). proBNP wird in das aktive Hormon BNP und das inaktive, stabilere NT-proBNP (gemessen) gespalten. Anzeige: Herzinsuffizienz / kardiale Volumenüberladung.

Warum / wie lesen: hervorragender Ausschlussmarker (niedrig → Herzinsuffizienz unwahrscheinlich). Cut-off steigt mit Alter und sinkender Nierenfunktion; bei Adipositas eher niedrig. Hilft auf ICU, Dyspnoe kardial vs. pulmonal einzuordnen.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Herzinsuffizienz mit reduzierter und erhaltener Ejektionsfraktion, Vorhofflimmern, Klappenvitien, Lungenembolie und Rechtsherzbelastung, pulmonale Hypertonie, Sepsis, Niereninsuffizienz, höheres Lebensalter, Anämie, Hyperthyreose, Myokarditis, Volumenüberladung, nach Kardioversion oder Herzoperation.
Falsch niedrige Werte bei Adipositas, in der Frühphase eines akuten („flash“) Lungenödems und bei Perikardtamponade (fehlende Wanddehnung) sowie bei konstriktiver Perikarditis.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • StärkeDer Wert ist vor allem ein Ausschlussmarker: sehr niedrig → Herzinsuffizienz als Ursache der Dyspnoe unwahrscheinlich.
  • FalleDer Grenzwert steigt mit Alter und sinkender Nierenfunktion — ein erhöhter Wert bei Dialysepatienten ist kaum verwertbar.
  • DDErhöhung ohne Linksherzproblem: Lungenembolie, pulmonale Hypertonie, Sepsis, Vorhofflimmern — immer echokardiographisch einordnen.
  • PraxisZur Steuerung der Rekompensation ist der Verlauf aussagekräftiger als der Absolutwert.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
NT-proBNP↑ + Troponin↑ + Sepsisseptische KardiomyopathieEchokardiographie; Katecholaminwahl anpassen.
NT-proBNP↑ + Kreatinin↑ + Ödeme + Diureseabfallkardiorenales SyndromVolumenentzug vs. Nierenperfusion abwägen.
NT-proBNP niedrig + akute Dyspnoepulmonale UrsachePneumonie, COPD-Exazerbation, Pneumothorax, Lungenembolie prüfen.
NT-proBNP↑ + D-Dimere↑ + Troponin↑ + dilatierter rechter VentrikelLungenembolie mit Rechtsherzbelastungintermediär-hohes Risiko — Monitoring auf Intensivstation.
CK (Gesamt-Kreatinkinase) ♂ < 190 · ♀ < 170 U/l Muskelschaden allgemein
Definition

Was: Energieenzym in allen Muskelzellen — Skelettmuskel, Herz und glatte Muskulatur.

Anzeige: Muskelschaden, aber nicht herzspezifisch.

Warum: stark ↑ bei Rhabdomyolyse (Trauma, Liegetrauma, Krampf, Statine) → dann Myoglobin + Nierenschutz beachten; auch nach i. m.-Injektion oder Defibrillation erhöht.

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Rhabdomyolyse (Trauma, Liegetrauma nach langer Immobilisation, Krampfserie, Kompartmentsyndrom, Hitzschlag, exzessive Belastung, Intoxikation), Medikamente (Statine, Fibrate, Propofol-Infusionssyndrom, Neuroleptika), malignes neuroleptisches Syndrom, maligne Hyperthermie, Myositis und Autoimmunmyopathien, Hypothyreose, Myokardinfarkt und Myokarditis, nach Reanimation und Defibrillation, intramuskuläre Injektion, Alkohol, virale Myositis, hereditäre Myopathien, Elektrounfall, Verbrennung.
Niedrige Werte bei geringer Muskelmasse und langer Immobilisation — dann kann ein „normaler“ CK-Wert einen relevanten Muskelschaden verschleiern.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • DDCK↑ ohne Trauma → Medikamente (Statine!), Schilddrüsenfunktion, Autoimmunmyositis, Infektion, Elektrolytstörung.
  • GrenzwertAb etwa 5000 U/l steigt das Risiko eines myoglobinbedingten Nierenversagens deutlich — frühzeitig Volumen und Diurese.
  • PraxisMyoglobin steigt früher und fällt schneller als die CK; der Urinstreifentest ist „blutpositiv“ ohne Erythrozyten im Sediment — ein schneller Hinweis.
  • CaveBei Kompartmentsyndrom entscheidet der klinische Befund, nicht die CK — Spaltung nicht vom Laborwert abhängig machen.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
CK > 5000 + Myoglobinurie + Kreatinin↑ + K⁺↑ + Phosphat↑ + Ca²⁺↓Rhabdomyolyse mit Nierenversagengroßzügig Volumen, Elektrolyte engmaschig, Nierenersatzverfahren bereithalten.
CK↑ + Fieber + Rigor + Bewusstseinsstörung + autonome Instabilität unter Neuroleptikamalignes neuroleptisches SyndromAuslöser absetzen, Kühlung, Dantrolen erwägen.
CK↑ + Laktat↑ + metabolische Azidose + Triglyzeride↑ + Bradyarrhythmie unter PropofolPropofol-InfusionssyndromPropofol sofort beenden.
CK↑ + CK-MB-Anteil < 6 % + Troponin normalSkelettmuskelursprungkeine kardiale Diagnostik erforderlich.
CK-MB < 6 % der Gesamt-CK Herzmuskel-Isoenzym
Definition

Was: die Isoform der CK, die überwiegend im Herzmuskel vorkommt.

Anzeige: myokardialer Anteil eines CK-Anstiegs.

Warum: der Anteil zählt — > 6 % der Gesamt-CK spricht für kardialen Ursprung, < 6 % eher Skelettmuskel. Heute weitgehend vom Troponin abgelöst, aber nützlich zur Abschätzung von Reinfarkt (kürzere Verweildauer als Troponin).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Anteil > 6 % der Gesamt-CK: Myokardinfarkt, Myokarditis, Herzkontusion, nach Herzoperation, Ablation oder Kardioversion. Absolut erhöht bei niedrigem Anteil: ausgedehnter Skelettmuskelschaden, Rhabdomyolyse, Myopathien.
Ohne Krankheitswert.
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • FalleMakro-CK (Immunkomplexe) täuscht einen hohen CK-MB-Anteil vor — Verdacht bei CK-MB > 25 % der Gesamt-CK ohne kardiale Klinik.
  • FalleBei sehr hoher Gesamt-CK misst die Methode einen Teil der CK-MM als CK-MB mit („Übersprechen“) — der Anteil ist dann falsch hoch.
  • PraxisHeute vom hochsensitiven Troponin abgelöst; nützlich bleibt die kürzere Verweildauer zur Erkennung eines Reinfarkts innerhalb der ersten 72 h.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
CK-MB-Anteil > 6 % + Troponin-Dynamik + EKG-VeränderungMyokardinfarktReperfusionsstrategie nach Klinik und EKG.
CK↑↑ + CK-MB-Anteil < 6 %Rhabdomyolyse / Skelettmuskelkardiale Ursache unwahrscheinlich.
erneuter CK-MB-Anstieg nach initialem AbfallReinfarktTroponin ist hier noch erhöht und hilft nicht weiter.
Einordnung — Entscheidungsbaum
Welcher Marker ist führend?
Troponin ↑ mit Dynamik + Klinik/EKGakuter Myokardschaden / Infarkt
Troponin ↑ stabil, ohne Dynamikchronisch (NI, Sepsis, LAE …)
NT-proBNP ↑kardiale Überlastung / Herzinsuffizienz
CK ↑↑, CK-MB < 6 %Skelettmuskel / Rhabdomyolyse
09Stoffwechsel & Glukose
Glukose nüchtern 70–100 mg/dl
Definition

Was: zentraler Energieträger; der Spiegel ergibt sich aus Aufnahme, Insulin/Glukagon und der Leber (Glukoneogenese/Glykogenolyse).

Anzeige: Stoffwechsel-/Stresslage — bei Kritisch-Kranken häufig „Stresshyperglykämie“.

Warum: Hypoglykämie unter Sedierung leicht übersehen → sofort behandeln. ICU-Zielkorridor meist 140–180 mg/dl (zu strenge Einstellung erhöht das Hypoglykämierisiko).

Klinik & Differenzialdiagnosen
Krankheitsbilder
Stresshyperglykämie bei kritischer Erkrankung, Diabetes mellitus, Steroide, Katecholamine, parenterale Ernährung und Glukoseinfusionen, Pankreatitis, diabetische Ketoazidose und hyperosmolares Syndrom, Hypothermie, Thiazide, Somatostatin-Analoga, Immunsuppressiva (Tacrolimus), Phäochromozytom, Cushing-Syndrom.
Insulin und orale Antidiabetika (v. a. Sulfonylharnstoffe — protrahierte Hypoglykämien!), Leberversagen, Nebenniereninsuffizienz, späte Sepsis, Alkohol, Mangelernährung, abrupt unterbrochene Ernährung bei laufender Insulintherapie, Niereninsuffizienz (verminderte Insulinelimination), Insulinom, Malaria, Betablocker (maskieren zusätzlich die Warnsymptome).
Differenzialdiagnosen & Fallstricke
  • CaveHypoglykämie unter Sedierung oder Beatmung zeigt keine typischen Symptome — regelmäßige Messung ist die einzige Sicherung.
  • DDHyperglykämie mit Azidose: DKA (Ketone↑, Anionenlücke↑) vs. hyperosmolares Syndrom (Glukose sehr hoch, kaum Ketone) vs. Laktatazidose vs. euglykäme Ketoazidose unter SGLT2-Hemmern — dort ist die Glukose nur mäßig erhöht.
  • PraxisNach Sulfonylharnstoff-Hypoglykämie ist eine mehrstündige Überwachung nötig — Rezidive nach initialer Besserung sind typisch.
  • PraxisZu strenge Blutzuckereinstellung erhöht die Hypoglykämierate ohne Überlebensvorteil — Zielkorridor meist 140–180 mg/dl.
Konstellationen — mehrere Werte zusammen gelesen
Glukose > 250 + pH < 7,3 + HCO₃⁻↓ + Ketone↑ + Anionenlücke↑diabetische KetoazidoseVolumen zuerst, dann Insulin; Kalium vor Insulingabe prüfen.
Glukose > 600 + Osmolalität↑↑ + kaum Ketone + Vigilanzminderunghyperosmolares hyperglykämisches Syndromsehr hoher Volumenbedarf, langsame Osmolalitätskorrektur.
Glukose normal oder leicht↑ + Ketoazidose + SGLT2-Hemmereuglykäme Ketoazidosewird regelmäßig übersehen — Ketone messen, nicht nur Glukose.
Glukose↓ + Na⁺↓ + K⁺↑ + HypotonieNebenniereninsuffizienzHydrocortison nach Cortisolabnahme.
Glukose↓ + Laktat↑ + INR↑ + Ammoniak↑Leberversagendie Leber hält den Blutzucker nicht mehr — kontinuierliche Glukosezufuhr.
< 70 mg/dlHypoglykämie — sofort behandeln; bei Sedierung leicht übersehen
ICU-Zielkorridori. d. R. 140–180 mg/dl (moderate Kontrolle; strenge Einstellung erhöht Hypoglykämierisiko)
Laktat < 2,0 mmol/l
Globaler Perfusionsmarker → siehe Sektion 01 (BGA). Serielle Messung & Clearance steuern die Schocktherapie.