Intensivmedizin · Gerät

ThermoGuard

Intravaskuläres, zielgerichtetes Temperaturmanagement (TTM): Funktionsweise, Indikationen, Phasen, Steuerung & Komplikationen.

+ Tipp: Auf eine Kategorie tippen → klappt direkt auf.

Der ThermoGuard (z. B. ZOLL Thermogard) ermöglicht ein präzises, geschlossen rückgekoppeltes zielgerichtetes Temperaturmanagement über einen intravaskulären Wärmetauscher-Katheter. Zahlen sind Orientierungswerte — verbindlich sind Hersteller-IFU und Hausstandard / SOP.

Funktionsweise & KomponentenIntravaskulärer Wärmetauscher · geschlossener Kreislauf

Ein zentralvenös eingebrachter Wärmetauscher-Katheter wird von temperiertem Kochsalz durchströmt — in einem geschlossenen Kreislauf ohne Kontakt zwischen Kühlflüssigkeit und Blut. Die Konsole regelt die Wassertemperatur servogesteuert.

  1. Wärmetauscher-Katheter: Mehrlumig, meist V. femoralis (alternativ V. subclavia/jugularis); je nach Modell zusätzliche Infusionslumina.
  2. Konsole mit Servoregelung: Temperiert das Kochsalz im geschlossenen Kreislauf und passt es laufend an die Ziel-Kerntemperatur an.
  3. Kerntemperatur-Sonde: Rückkopplung über eine zuverlässige Messstelle (Blase, Ösophagus, ggf. pulmonalarteriell).
Closed-Loop: Das Gerät steuert die Wassertemperatur automatisch nach der gemessenen Kerntemperatur — die Messstelle muss verlässlich sein, sonst regelt das System falsch.
Indikationen & ZieltemperaturTemperaturkontrolle · Fieberprävention · ERC 2025

Einsatz zur Temperaturkontrolle: aktive Fieberprävention, kontrollierte Normothermie und — in ausgewählten Fällen — kontrollierte Hypothermie. Der früher gebräuchliche Begriff TTM = Targeted Temperature Management, gezieltes Temperaturmanagement. Bis ERC 2021 stand dahinter eine Zieltemperatur von 32–36 °C für mindestens 24 Stunden. Seit den ERC-Leitlinien 2025 ist der bevorzugte Begriff Temperaturkontrolle — das gezielte Temperaturmanagement im alten Sinn wird nicht mehr empfohlen. ist damit fachlich überholt.

ANach ReanimationBei Patienten, die nach ROSC komatös bleiben: Fieber aktiv verhindern, Ziel ≤ 37,5 °C über 36 bis 72 Stunden (ERC 2025). Zielbereich nach Hausstandard.
BNeurointensivFieberkontrolle bei SHT, SAB, ischämischem Schlaganfall oder Status epilepticus zur Begrenzung sekundärer Hirnschädigung.
CRefraktäres FieberWenn medikamentös und über Oberflächenkühlung nicht ausreichend beherrschbar.
CAVE: Konkrete Zieltemperatur und Zielbereich richten sich nach Indikation, aktueller Leitlinie und Hausstandard — keine starren Werte aus dieser Seite ableiten.
ERC 2025 · was sich geändert hatTemperaturkontrolle statt gezieltem Temperaturmanagement

Der European Resuscitation Council hat am 22. Oktober 2025 neue Leitlinien veröffentlicht. Für die Postreanimationsbehandlung ist das die größte Änderung: Das bisherige gezielte Temperaturmanagement wird nicht mehr empfohlen, angestrebt wird nur noch eine Temperaturkontrolle. Grundlage ist die TTM2-Studie, die zwischen einer Zieltemperatur von 33 °C und reiner Fiebervermeidung keinen Unterschied bei Überleben und funktionellem Ergebnis nach sechs Monaten fand.

  1. Fieber aktiv verhindern: Bei Patienten, die nach ROSC komatös bleiben, eine Temperatur von ≤ 37,5 °C anstreben — über 36 bis 72 Stunden.
  2. Nicht aktiv aufwärmen: Komatöse Patienten mit milder Hypothermie (32–36 °C) nach ROSC sollen nicht aktiv auf Normothermie erwärmt werden.
  3. Keine präklinische Kühlung: Die routinemäßige Gabe großer Mengen kalter Infusionen unmittelbar nach ROSC wird nicht empfohlen. Die Temperaturkontrolle beginnt auf der Intensivstation.
  4. Verfahren: Wenn eine Temperaturkontrolle durchgeführt wird: Oberflächen- oder endovaskuläre Verfahren einsetzen — also genau das, wofür der ThermoGuard gebaut ist.
  5. Rückkopplung Pflicht: Bei Einsatz von Kühlgeräten kontinuierliche Temperaturüberwachung mit Feedback-Regelung verwenden.
  6. Sedierung: Betonung auf kurz wirksamen Sedativa, damit der neurologische Status beurteilbar bleibt. Routinemäßige Muskelrelaxierung wird nicht empfohlen.
Was das für die Praxis heißt: Der ThermoGuard bleibt vollumfänglich indiziert — er ist ausdrücklich eines der empfohlenen Verfahren. Was sich ändert, ist das Ziel: nicht mehr aktiv herunterkühlen auf 32–36 °C als Standard, sondern Fieber sicher verhindern. Eine aktive Hypothermie bleibt im Einzelfall möglich, ist aber keine generelle Empfehlung mehr. Maßgeblich ist der Hausstandard — SOP gegenprüfen, ob sie noch die alte Fassung abbildet.
Quelle: ERC-Leitlinien 2025, Kapitel Postreanimationsbehandlung; deutsche Fassung des German Resuscitation Council. Siehe Referenzen · ThermoGuard.
Phasenbei aktiver Hypothermie · Induktion → Erhaltung → Wiedererwärmung

Drei Phasen mit jeweils eigenen Risiken:

  1. Induktion: Zügiges Erreichen der Zieltemperatur. Cave: Kältezittern, Elektrolytverschiebungen (K⁺, Mg²⁺, PO₄³⁻ ↓), Bradykardie, kalte Diurese.
  2. Erhaltung: Zieltemperatur stabil halten (Servoregelung). Schwankungen minimieren, Shivering konsequent behandeln.
  3. Kontrollierte Wiedererwärmung: Langsam (Orientierung ~0,25–0,5 °C/h). Zu schnell → Vasodilatation/Hypotonie, Hyperkaliämie, Rebound-Hyperthermie.
Rebound vermeiden: Nach der Wiedererwärmung weiter Normothermie sichern — Fieber verschlechtert besonders das neurologische Ergebnis.
Steuerung & ÜberwachungKerntemperatur · Katheter · Shivering
  1. Kerntemperatur kontinuierlich: Verlässliche Messstelle (Blasenkatheter mit Temperatursonde, ösophageal, pulmonalarteriell); zweite Messung zur Plausibilität.
  2. Geräteparameter: Ziel- und Ist-Kerntemperatur, Wassertemperatur, Alarme — regelmäßig prüfen und dokumentieren.
  3. Katheter: Lage, Verband, Durchgängigkeit; VTE-Prophylaxe/-Monitoring wegen Thromboserisiko des liegenden Katheters.
  4. Kältezittern (Shivering): Erkennen (z. B. BSAS) und nach SOP behandeln (Hautoberflächen-Wärme, ggf. Magnesium, Sedierung/Analgesie). Shivering konterkariert die Kühlung und steigert den O₂-Verbrauch.
CAVE: Fehlmessung der Kerntemperatur → Fehlsteuerung des Systems. Sondenlage und Plausibilität konsequent prüfen.
Komplikationen & PflegeWas am Bett zu beachten ist
  1. Elektrolyte & Glukose: Kühlung → intrazelluläre Shifts (K⁺/Mg²⁺/PO₄³⁻ ↓); Wiedererwärmung → Anstieg (Hyperkaliämie-Gefahr). Engmaschig kontrollieren.
  2. Hämodynamik & Rhythmus: Bradykardie unter Hypothermie; bei Wiedererwärmung Vasodilatation und Hypotonie möglich.
  3. Katheter-assoziiert: Infektion (CLABSI-Prävention), Thrombose, Blutung — Standzeit und Handling nach Hausstandard.
  4. Haut & Lagerung: Hautkontrolle, Dekubitus- und Thromboseprophylaxe bei immobilisiertem Patienten.
CAVE: Zieltemperatur, Wiedererwärmungsrate, Katheter-Handling und Alarmgrenzen ausschließlich nach Hersteller-IFU und lokalem SOP.
Antrittscheck Referenzen & Quellen