Intensivmedizin · In Entwicklung

ECMO

Extrakorporale Membranoxygenierung am ICU-Bett: Funktionsweise (VV/VA), Indikationen, Steuerung (Fluss, Sweep-Gas, Antikoagulation), Beachtungspunkte & Troubleshooting.

+ Tipp: Auf eine Kategorie tippen → klappt direkt auf.

Beta. Die Inhalte sind als Orientierungsgerüst hinterlegt und werden schrittweise vertieft (u. a. Weaning, gerätespezifische Alarme). Werte sind geräte- & hausstandardabhängig – verbindlich ist die lokale SOP.
FunktionsweisePrinzip, Komponenten & Modi (VV/VA)

Extracorporeal Membrane Oxygenation – extrakorporale Membranoxygenierung. Verlängerter Herz-Lungen-Bypass am Intensivbett: Blut wird drainiert, in einem Membranoxygenator mit O2 angereichert und von CO2 befreit, erwärmt und zurückgegeben. = extrakorporale Lungen- (und ggf. Kreislauf-)Unterstützung. Blut wird über eine großlumige Kanüle drainiert, von einer Zentrifugalpumpe durch einen Membranoxygenator gefördert (O2-Aufnahme + CO2-Elimination über das Sweep-Gas), erwärmt und zum Patienten zurückgegeben. Oberbegriff für die verlängerte extrakorporale Unterstützung: ECLS = Extracorporeal Life Support. Oberbegriff für extrakorporale Verfahren zur Organunterstützung; im klinischen Sprachgebrauch oft synonym für die VA-ECMO (Herz-Kreislauf-Unterstützung)..

Modi im Vergleich

Komponenten des Kreislaufs

VV-ECMO VA-ECMO Pat. P Oxy venös → venös Pat. P Oxy venös → arteriell Drainage (venös) VA-Rückgabe (arteriell) VV-Rückgabe (venös) P = Zentrifugalpumpe · Oxy = Membranoxygenator (Sweep-Gas) Flussrichtung: Patient → Pumpe → Oxygenator → Patient

Prinzipschema. Bei VV erfolgt Drainage und Rückgabe venös (Lungenersatz). Bei VA wird arteriell zurückgegeben (zusätzlich Kreislaufunterstützung).

Blutfluss (Orientierung): typ. 3–6 l/min (Erwachsene). Mehr Fluss → mehr Oxygenierung; Sweep-Gasfluss steuert v. a. die CO2-Elimination. Konkrete Zielwerte sind geräte- & hausstandardabhängig.
IndikationenWann VV, wann VA?

Indikation immer als individuelle Einzelfallentscheidung bei potenziell reversiblem, therapierefraktärem Organversagen und tragfähigem Gesamtkonzept (Bridge-to-recovery / -decision / -transplant).

VV-ECMO — respiratorisch

VA-ECMO — kardial / kardiopulmonal

Erwägen — Voraussetzungen

Leitlinien-Bezug (S3 Invasive Beatmung 2025)

Schwache EmpfehlungS3 2025 · E79

Eine vv-ECMO bei schwerem ARDS nur nach Ausschöpfen der konservativen Maßnahmen (einschließlich Bauchlagerung) und fortbestehender schwerer Gasaustauschstörung erwägen.

Starke EmpfehlungS3 2025 · E81/E82

Indikationsstellung in Abstimmung mit einem ARDS/ECMO-Zentrum; Behandlung in einem erfahrenen Zentrum mit den geforderten Strukturvoraussetzungen.

Empfehlung gegenS3 2025 · E84

Kein Einsatz von Low-Flow-ECCO₂R-Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz außerhalb klinischer Studien.

Quelle: S3-Leitlinie „Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz" (AWMF 001-021, Version 2.0, 08/2025). Zur ECMO-Durchführung selbst gelten zusätzlich die einschlägigen ECLS/ECMO-Leitlinien und der Hausstandard.
CAVE — relative Kontraindikationen: infauste Grunderkrankung / fehlende Reversibilität, schwere irreversible neurologische Schädigung, nicht beherrschbare Blutung / Kontraindikation gegen Antikoagulation, fortgeschrittenes Multiorganversagen ohne Aussicht. Keine isolierte Zahl entscheidet — Gesamtbild, Dynamik & Prognose sind maßgeblich.
Zentrum & StrukturS3 001/021 Version 2.0 · Stand 01.08.2025

Die Revision der S3-Leitlinie hat erstmals Strukturanforderungen an ARDS/ECMO-Zentren formuliert. Sie lehnen sich an die DIVI-Strukturmerkmale der Versorgungsstufe 3 („Umfassende Versorgung“) an. Praktisch erklärt das, warum Patienten verlegt werden — und was ein Zentrum vorhalten muss.

  1. Indikation nur nach Auschöpfen: Eine vv-ECMO beim schweren ARDS erst erwägen, wenn die konservativen Maßnahmen einschließlich Bauchlagerung ausgeschöpft sind und die schwere Gasaustauschstörung fortbesteht.
  2. Abstimmung: Die Indikation wird in Abstimmung mit einem ARDS/ECMO-Zentrum gestellt; behandelt wird in einem Zentrum mit Erfahrung in schwerem ARDS und vv-ECMO.
  3. Personal & Ausbildung: Strukturiertes, qualifiziertes ECMO-spezifisches Ausbildungskonzept für ärztliches und pflegerisches Personal. 24/7 unverzügliche Verfügbarkeit eines Facharztes mit Zusatzbezeichnung Intensivmedizin, erfahren in der Behandlung des schweren ARDS.
  4. Material: Vorhalten ausreichender Back-up-Konsolen und Materialien.
  5. Allokation & Transfer: 24/7 Allokation und Versorgung; 24/7 Transfer — gegebenenfalls nach Beginn der vv-ECMO durch ein mobiles ECMO-Team im verlegenden Krankenhaus.
  6. Netzwerk: Auf- und Ausbau regionaler und überregionaler ECMO-Zentrums-Netzwerke.
Klare Negativempfehlung: Low-Flow-ECCO₂R-Verfahren sollen bei akuter respiratorischer Insuffizienz außerhalb klinischer Studien nicht eingesetzt werden.
Quelle: DGAI S3-Leitlinie „Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz“, AWMF 001/021, Version 2.0, Stand 01.08.2025, gültig bis 31.07.2030. Siehe Referenzen · ECMO.
EinstellungenFluss · Sweep-Gas · FiO2 · Antikoagulation

Zwei getrennte Stellgrößen: Die Oxygenierung wird vor allem über Blutfluss (RPM) und Blender-FiO2 gesteuert, die CO2-Elimination nahezu unabhängig über den Sweep-Gasfluss.

Kontext: Wie viel O₂ das Blut trägt und im Gewebe abgibt, hängt zusätzlich von Hb und der Sauerstoffbindungskurve ab (Temperatur, pH, pCO₂, 2,3-DPG) → Beatmung · Sauerstoffbindungskurve.

Stellgrößen — Oxygenierung

Ziel / BefundStellgröße
SpO2 / paO2 zu niedrigBlutfluss ↑ (RPM) & Blender-FiO2; Rezirkulation (VV) ausschließen
im ZielbereichKeine Änderung · niedrigste sichere FiO2 anstreben
paO2 hochBlender-FiO2 ↓ (Ziel-paO2 nicht supraphysiologisch)

Stellgrößen — Decarboxylierung

Ziel / BefundStellgröße
paCO2 zu hoch / AzidoseSweep-Gasfluss ↑
im ZielbereichKeine Änderung
paCO2 zu tiefSweep-Gasfluss ↓
CAVE: paCO2 bei Therapiebeginn langsam senken (Gefahr zerebraler Schäden bei zu rascher Korrektur), besonders bei vorbestehender Hyperkapnie.

Startwerte (Orientierung)

Blutfluss3–6 l/min
Sweep-Gasfluss (Start)≈ 1 : 1 zum Blutfluss
Blender-FiO2 (Start)100 % → titrieren
Hinweis: Startwerte & Zielbereiche (SpO2, paO2, paCO2, pH) sind ärztlich festzulegen und geräte-/hausstandardabhängig.

Antikoagulation

Monitoring

Verbindlich ist die lokale SOP & Gerätevorgabe. Die hier genannten Werte dienen nur der Orientierung.
BeachtungspunkteÜberwachung & Pflege am ECMO-Bett

Strukturierte Sichtkontrolle von Patient, Kanülen, Kreislauf & Oxygenator — engmaschig und bei jedem Schichtbeginn.

Worauf achten?

Sicherheitskontrolle (Bundle)Schnellcheck am Gerät
  • Kanülen: Einführtiefe/Markierung, Fixierung, Eintrittsstelle, distale Perfusion (VA).
  • Kreislauf: Konnektionen, Schläuche auf Knick/Clots, Notklemmen griffbereit.
  • Pumpe/Konsole: Fluss, RPM, Drücke (Pprä/Ppost/ΔP), Alarmgrenzen aktiv.
  • Gas: Sweep-Gasfluss & FiO2 am Blender, Gasversorgung/Wandanschluss.
  • Oxygenator: Clots/Fibrin/Plasmaleckage, prä-/post-BGA.
  • Notfall: Handkurbel, Ersatzsystem & Notfallplan bekannt; Stromversorgung/Akku.
CAVE — Diskonnektion / Dekanülierung = Notfall. Drohende Luftembolie (Drainage) bzw. Massenblutung (Rückgabe). Kanülen sichern, Notklemmen & Notfallalgorithmus stets griffbereit; Pflege/Lagerung nur mit ausreichend Personal.
Troubleshooting & AlarmeSaugen · Luft · Oxygenator · Harlequin

Häufige Probleme mit Ursache & Maßnahme — aufklappbar nach Thema. Konsolen kennen Warn- und kritische Alarme; Wortlaut & Schwellen sind geräteabhängig.

Warnung (gelb)Therapie läuft meist weiter — zeitnah handeln.
Kritisch (rot)Sofort handeln — Fluss/Gasaustausch gefährdet.
Saugen / „Chugging"Flussschwankungen · negativer Drainagedruck
Volumenmangel ausreichend Vorlast Leitung „schlägt" · Fluss schwankt stabiler Fluss Ursache zuerst behandeln — nicht nur RPM erhöhen

„Chugging": rhythmisches Ansaugen/Leitungsschlagen bei zu hoher Drehzahl relativ zur Vorlast.

RotSaugen / negativer Drainagedruck
Ursache: Hypovolämie, Kanüle saugt an Gefäßwand, Knick/Clot, RPM zu hoch, Lagerung/Husten. RPM kurz senken, Volumenstatus & Lagerung prüfen, Kanülenlage/Knick kontrollieren; Ursache behandeln statt nur Fluss steigern.
Luft im SystemLuftembolie-Gefahr
RotLuft erkannt / Luftdetektor
Ursache: Leck/offene Konnektion, starkes Saugen, Interventionen. Notfallalgorithmus: ggf. Patient von Kreislauf trennen (klemmen) und Luftquelle beseitigen nach Gebrauchsanweisung — nie Luft zum Patienten; sofort ärztliche Hilfe.
OxygenatorversagenGasaustausch ↓ · ΔP ↑
Gelb→RotGasaustausch verschlechtert
Ursache: Clotting/Fibrin, Plasmaleckage, ΔP steigend. prä-/post-Oxygenator-BGA vergleichen, Gasversorgung & Sweep prüfen (Kondenswasser → ggf. „Flush"), Trend dokumentieren; bei Versagen Oxygenator-/Systemwechsel nach SOP.
GelbSweep-Gas / Gasversorgung
Ursache: diskonnektierte Gasleitung, leerer Blender, Kondensat. Gasanschluss & Blender prüfen, Schlauch entwässern.
DifferenzialhypoxämieHarlequin / North-South-Syndrom (VA)
Harlequin (femorale VA-ECMO) Wasserscheide Kopf / re. Arm eigenes (hypox.) Blut untere Körperhälfte ECMO-Blut (oxygeniert) Messung: rechte A. radialis (präduktal)

Mechanismus: bei sich erholendem Herzen + schlechter Lunge wirft das eigene Herz hypoxämisches Blut in die obere Körperhälfte, während die ECMO die untere retrograd oxygeniert.

HinweisObere Körperhälfte hypoxäm
Erkennen: SpO2 rechte Hand niedriger als untere Körperhälfte; arterielle BGA rechts radial (präduktal). Lungenfunktion/Beatmung optimieren, Rückgabestrategie überdenken (z. B. zusätzliche venöse Rückgabe → VAV), ärztlich.
Beinischämie · Pumpe · Blutungweitere kritische Probleme
RotDistale Beinischämie (VA femoral)
Ursache: arterielle Kanüle verlegt die Extremitätenperfusion. Distale Perfusion (Puls/Doppler, Hautkolorit, NIRS) überwachen; distale Perfusionskanüle nach Standard.
RotPumpenstillstand / Stromausfall
Handkurbel verwenden (Fluss aufrechterhalten), Stromquelle/Akku prüfen, Hilfe rufen; bei Stillstand Rückstromgefahr → Klemmen nach SOP.
RotBlutung / Hämolyse / Thrombose
Antikoagulation reevaluieren (blutungsadaptiert), Eintrittsstellen & Gerinnung kontrollieren; freies Hb/ΔP bei Hämolyse-/Clotting-Verdacht; ärztlich.
Verbindlich sind Gebrauchsanweisung des Geräteherstellers & der Hausstandard. Exakte Alarmtexte, Schwellen & Notfallalgorithmen sind geräte-/zentrumsabhängig — hier nur als Orientierung. Im Zweifel Gerätehinweise befolgen und ECMO-/Fachpersonal hinzuziehen.
Scores & Skalen Referenzen & Quellen