Stroke Unit · Intensivmedizin

Neuro ICU · Stroke-Entscheidungshilfe

Fixierter NIHSS-Score · neurologische Untersuchung · Stroke-Pfade · Blutung und Gefäßterritorien · Neurochirurgie (NCH) & Hirndruck-Management. Tippen zum Aufklappen.
🧮 NIHSS-Rechner · Score direkt ermitteln 0
0/42
Keine Symptome
1aBewusstseinslage / Vigilanz
1bOrientierung (2 Fragen)
1cAufforderungen befolgen
2Blickbewegung (horizontal)
3Gesichtsfeld
4Faziale Parese
5aMotorik Arm links
5bMotorik Arm rechts
6aMotorik Bein links
6bMotorik Bein rechts
7Extremitätenataxie
8Sensibilität
9Sprache / Aphasie
10Dysarthrie
11Neglect / Auslöschung

Pro Kategorie den Befund antippen. Die Summe 0-42 und das Schweregrad-Band werden live berechnet. Ausführliche Erklärung und Bewertung jeder Kategorie siehe unten.

Schweregrad nach Punktwert0 bis 42 Punkte · Einordnung und ICU-Konsequenz

Höherer Wert = ausgeprägteres Defizit. Die Bänder sind prognostisch und steuern die Überwachungsintensität, sie sind aber nicht die Indikationsschwelle der Lyse.

0 Keine Symptomeno stroke symptoms

Klinisch kein fassbares Defizit. Bei passender Bildgebung dennoch TIA/Infarkt möglich — NIHSS schließt nichts aus.

Setting: Diagnostik & Ursachenabklärung, Monitoring nach Risiko, keine Intensivpflicht aus dem Score.
1–4 Leichtminor stroke

Umschriebenes Defizit (z. B. isolierte Dysarthrie, leichte Parese). Achtung: auch ein niedriger Wert kann behindernd sein (z. B. Aphasie, Handfunktion) — Behinderung ≠ NIHSS.

Setting: Stroke Unit, kontinuierliches Monitoring; Intensiv selten, eher bei Dysphagie/Aspiration.
5–15 Mittelschwermoderate

Relevantes territoriales Defizit. NIHSS ≥ 6 erhöht die Wahrscheinlichkeit eines großen Gefäßverschlusses (LVO) deutlich → Gefäßbildgebung obligat.

Setting: Stroke Unit als Standard; Intensiv bei Vigilanzschwankung, Atemwegsrisiko oder peri-interventionell.
16–20 Mittelschwer–schwermoderate to severe

Ausgedehntes Defizit, häufig LVO. Erhöhtes Risiko für Vigilanzminderung, Schluckstörung und sekundäre Verschlechterung (Ödem).

Setting: niedrige Schwelle zur Intensiv-/IMC-Aufnahme; Atemweg, Aspirationsschutz, engmaschige neurologische Kontrolle.
21–42 Schwersevere

Schweres, oft hemisphärielles Defizit. Hohes Risiko für malignen Infarkt, Hirndruck, Bewusstseins- & Atemwegsverlust.

Setting: Intensiv. Atemwegssicherung erwägen, Hirndruck-/Ödemüberwachung, frühzeitig Dekompression (maligner Mediainfarkt) mitdenken.
NIHSS-KategorienAlle Items als ausklappbare Untermenüs

In fester Reihenfolge von Bewusstsein nach Neglect. Summe der Einzelpunkte = Gesamtscore 0-42. Jede Domäne ist als Untermenü ausklappbar, die Einzelitems bleiben separat aufklappbar.

🧠 Bewusstsein 👁️ Blick & Sehen 💪 Motorik 🎯 Koordination 🖐️ Sensibilität 💬 Sprache 👀 Aufmerksamkeit
BewusstseinNIHSS 1a-1c · Vigilanz, Orientierung, Aufforderungen
🧠 1a Bewusstseinslage / VigilanzBewusstsein 0–3

Wachheit und Reaktion auf Ansprache, dann auf Schmerzreiz.

0 = wach · 1 = somnolent, leicht weckbar · 2 = nur auf Schmerz · 3 = areaktiv/areflexiv

🧭 1b Orientierung (2 Fragen)Bewusstsein 0–2

Aktuellen Monat und das Lebensalter erfragen. Nur die erste Antwort zählt, exakt.

0 = beide richtig · 1 = eine richtig · 2 = keine richtig

✔️ 1c Aufforderungen befolgenBewusstsein 0–2

„Augen öffnen/schließen" und „Faust machen/öffnen" (nicht-paretische Hand).

0 = beide · 1 = eine · 2 = keine — Pantomime/Vormachen erlaubt

Blick & SehenNIHSS 2-3 · horizontale Blickbewegung und Gesichtsfeld
👁️ 2 Blickbewegung (horizontal)Blick & Sehen 0–2

Konjugierte horizontale Augenbewegung; Blickfolge oder okulozephaler Reflex. Nur horizontal.

0 = normal · 1 = part. Blickparese · 2 = forcierte Blickdeviation (Déviation conjuguée)

🔭 3 GesichtsfeldBlick & Sehen 0–3

Fingerperimetrie per Konfrontation, alle Quadranten, ggf. Fingerzähltest.

0 = normal · 1 = Quadrantenanopsie · 2 = Hemianopsie · 3 = bilateral/blind

MotorikNIHSS 4-6 · Fazialis, Arme und Beine
😐 4 Faziale PareseMotorik 0–3

Stirnrunzeln, Augen fest schließen, Zähne zeigen. Zentral (Stirn frei) vs. peripher unterscheiden.

0 = normal · 1 = gering · 2 = partiell · 3 = komplett

💪 5 Motorik Arme (li / re)Motorik je 0–4

Arm 90° (sitzend) bzw. 45° (liegend) 10 s halten, jede Seite einzeln.

0 = hält · 1 = Absinken · 2 = gegen Schwerkraft · 3 = kein Anheben · 4 = keine Bewegung

🦵 6 Motorik Beine (li / re)Motorik je 0–4

Bein 30° in Rückenlage 5 s halten, jede Seite einzeln.

0 = hält · 1 = Absinken · 2 = gegen Schwerkraft · 3 = kein Anheben · 4 = keine Bewegung

Koordination & SensibilitätNIHSS 7-8 · Ataxie und sensorisches Defizit
🎯 7 ExtremitätenataxieKoordination 0–2

Finger-Nase- und Knie-Hacke-Versuch. Nur bei ausreichender Kraft wertbar — Parese erklärt keine Ataxie.

0 = keine · 1 = in 1 Extremität · 2 = in 2 Extremitäten

🖐️ 8 SensibilitätSensibilität 0–2

Spitz/stumpf bzw. Nadelreiz im Seitenvergleich (Gesicht, Arm, Bein, Rumpf).

0 = normal · 1 = leicht-mäßiger Verlust · 2 = schwerer Verlust/anästhetisch

Sprache & ArtikulationNIHSS 9-10 · Aphasie und Dysarthrie
💬 9 Sprache / AphasieSprache 0–3

Bild beschreiben, Objekte benennen, Sätze lesen. Verständnis und Produktion. Von Vigilanz/Dysarthrie trennen.

0 = normal · 1 = leicht-mäßig · 2 = schwer · 3 = global/Mutismus

🗣️ 10 DysarthrieSprechen 0–2

Wörter nachsprechen lassen — bewertet wird die Artikulation, nicht der Sprachinhalt.

0 = normal · 1 = leicht-mäßig · 2 = anarthrisch/unverständlich

Aufmerksamkeit / NeglectNIHSS 11 · Auslöschung und Neglect
👀 11 Neglect / AuslöschungAufmerksamkeit 0–2

Doppelte simultane Stimulation (visuell und taktil) — wird eine Seite ausgelöscht?

0 = kein Neglect · 1 = eine Modalität · 2 = mehrere Modalitäten/schwer

Neurologische Visite / Untersuchung im DetailFokussierter neurologischer Status am ICU-Bett
Prinzip: erst ABCDE-Stabilität, BZ/BGA und Sedierungsniveau klären, dann fokussiert neurologisch untersuchen. Der neurologische Status ist Verlaufsdiagnostik: Uhrzeit, Sedierung, Pupillen, NIHSS/GCS und neue Seitenzeichen zusammen dokumentieren.
Reihenfolge der neurologischen VisiteVom Vitalen zum fokalen Defizit
  1. Vorbedingungen: Hypoxie, Hyperkapnie, Hypoglykämie, Schock, Fieber, Intoxikation und Übersedierung aktiv ausschließen.
  2. Vigilanz festlegen: GCS bei nicht sedierten Patienten, RASS unter Analgosedierung, Sedierungsziel und letzte Bolusgabe notieren.
  3. Pupillen & Hirnstamm: Größe, Seitengleichheit, direkte/konsensuelle Lichtreaktion, Blickdeviation, Korneal-, Husten- und Würgereflex je nach Situation.
  4. Fokale Prüfung: Sprache, Blick, Gesichtsfeld, Fazialis, Arm/Bein, Sensibilität, Ataxie und Neglect im Seitenvergleich.
  5. Verlauf: neue Lateralisation, NIHSS-Anstieg, Pupillenänderung oder Vigilanzabfall → sofort reevaluieren und Bildgebung/Stroke-Alarm prüfen.
Besonderheiten gegenüber der allgemeinen UntersuchungWas hier anders und spezifischer ist
  • Score statt nur Screening: Die allgemeine Untersuchung sucht neurologische Red Flags im ABCDE-Schema. Neuro ICU ergänzt eine reproduzierbare Quantifizierung über NIHSS, GCS/RASS und Pupillentrend.
  • Topodiagnostik: Fokale Muster werden aktiv einer Läsionsseite, einem Gefäßterritorium oder Hirnstamm-/Kleinhirnsyndrom zugeordnet.
  • Therapiepfad: Die Untersuchung steuert CCT/CTA, Stroke-Team, Lyse-/Thrombektomiepfad, Blutungspfad, ICP-Management und Überwachungsintensität.
  • Intensiv-Kontext: Intubation, Sedierung, Delir, metabolische Entgleisung und neuromuskuläre Blockade können Befunde verfälschen und müssen neben dem Score dokumentiert werden.
Link: Die Basis bleibt Untersuchung (eines Patienten) · Neurologie. Diese Unterseite ist die neurologische Vertiefung mit Score- und Stroke-Fokus.
Bewusstsein, Sprache & KooperationVigilanz, Aphasie, Dysarthrie, Delir
  • Vigilanz: wach, somnolent, soporös, komatös; bei Sedierung immer RASS und Sedierungsziel mitführen.
  • Sprache: Aphasie betrifft Sprachverständnis und Sprachproduktion; Dysarthrie betrifft Artikulation. Intubation erschwert Dysarthrie, nicht zwingend Sprachverständnis.
  • Kooperation: Nichtbefolgen von Aufforderungen kann Aphasie, Neglect, Vigilanzminderung, Delir, Schwerhörigkeit oder Sprachbarriere bedeuten.
  • Delir: akute fluktuierende Aufmerksamkeitstörung separat screenen, zum Beispiel CAM-ICU oder ICDSC.
Hirnnerven, Pupillen & BlickHirnstammnähe und Einklemmungszeichen
  • Pupillen: Größe in mm, Anisokorie, Lichtreaktion direkt/konsensuell. Neu einseitig weit und lichtstarr ist eine rote Flagge.
  • Blick: konjugierte Blickdeviation, horizontale Blickparese, Nystagmus, Doppelbilder und vertikale Blickstörung getrennt beschreiben.
  • Gesichtsfeld: Konfrontationsprüfung, visuelle Auslöschung bei Doppelstimulation, Hemianopsie versus Neglect unterscheiden.
  • Hirnstammreflexe: Kornea, okulozephal nur bei sicherer HWS, Husten/Würgen bei komatösen oder intubierten Patienten situationsgerecht prüfen.
CAVE: Mydriatika, Opioide, Sedativa, Hypothermie und Augenvorerkrankungen können Pupillenbefunde verändern. Entscheidend ist der neue Seitenunterschied oder Verlauf.
Motorik, Tonus, ReflexeSeitenvergleich und Pyramidenbahnzeichen
  • Motorik: Armhalteversuch, Beinhalteversuch, Kraftgrade, Pronator Drift, Feinmotorik und Seitendifferenz dokumentieren.
  • Tonus: schlaff, spastisch, Rigor; neu schlaffe Hemiparese kann akut vaskulär sein, Spastik spricht eher für ältere Pyramidenbahnläsion.
  • Reflexe: Muskeleigenreflexe, Seitendifferenz, Klonus, Babinski. Reflexe ersetzen nicht die funktionelle Kraftprüfung.
  • ICU-Falle: Critical-Illness-Polyneuropathie/-Myopathie ist meist symmetrisch und distal/proximal diffus, nicht fokal lateralisiert.
Sensibilität, Koordination & NeglectHemisphäre, Kleinhirn und Aufmerksamkeit
  • Sensibilität: Schmerz/Spitz-stumpf und Berührung im Seitenvergleich, Gesicht, Arm, Bein getrennt.
  • Koordination: Finger-Nase- und Knie-Hacke-Versuch nur werten, wenn genug Kraft vorhanden ist. Parese erklärt keine Ataxie.
  • Neglect: doppelte simultane Stimulation visuell und taktil, Blick-/Kopfwendung, Anosognosie und Auslöschung prüfen.
  • Posterior circulation: Schwindel, Nystagmus, Ataxie, Dysphagie und Vigilanzminderung können bei niedrigem NIHSS trotzdem hochkritisch sein.
Dokumentation & EskalationVerlaufssicherheit statt Einzelbefund
  • Immer mit Uhrzeit: NIHSS, GCS/RASS, Pupillen, neue Seitenzeichen, BZ/BGA, Sedierung und relevante Medikamente.
  • Eskalieren bei: NIHSS-Anstieg, neuer Aphasie/Neglect/Hemiparese, Pupillenwechsel, Vigilanzabfall, Krampfanfall, Kopfschmerz mit Meningismus oder Cushing-Konstellation.
  • Nach Lyse/Thrombektomie: Blutungszeichen, Reokklusion, Reperfusionsödem und RR-Korridor eng verfolgen.
  • Nach Blutung/SHT: ICP-Zeichen, Pupillendynamik, Antikoagulation, Gerinnungsumkehr und neurochirurgische Schwellenwerte mitdenken.
Merksatz: Nicht nur „neurologisch unverändert” schreiben. Besser: Score, Pupillen, Vigilanz und fokale Defizite explizit mit Vorbefund vergleichen.
Entscheidungsbaum & weitere UnterpunkteAkutphase, Durchführung, Tipps & Glossar

Reihenfolge: Zeit, Bildgebung/Blutung, NIHSS und Gefäßstatus. Der Score triagiert Richtung Thrombektomie und steuert die Überwachung, die Lyse selbst läuft im Standardfenster unabhängig vom NIHSS.

▣ Akutes fokalneurologisches Defizit
„Last seen well" erfassen · NIHSS erheben · sofort CCT + CT-Angiographie
BLUTUNG
Intrakranielle Blutung im CCT
keine Lyse / keine Thrombektomie · Blutdruck- & Gerinnungsmanagement, neurochirurgische Bewertung · Intensiv.
≤ 4,5 h
Ischämie, Zeitfenster ≤ 4,5 h
systemische Lyse bei fehlenden Kontraindikationen — unabhängig vom NIHSS (auch ≤ 5 oder ≥ 25). RR vor Lyse ≤ 185/110, danach ≤ 180/105 mmHg.
Im Zweifel
  • Behinderndes Defizit bei niedrigem NIHSS → eher lysieren als verzichten.
  • Lyse und LVO-Abklärung laufen parallel — eine schließt die andere nicht aus (Bridging).
4,5–9 h · Wake-up
Erweitertes / unklares Zeitfenster
bildgebungsbasiert: Mismatch Kern/Penumbra (CT-/MR-Perfusion) bzw. DWI-FLAIR-Mismatch beim Wake-up → ggf. Lyse.
NIHSS ≥ 6
LVO = Large Vessel Occlusion — Verschluss eines großen hirnversorgenden Gefäßes (ACI-Endstrecke/Karotis-T, ACM M1 und proximales M2, A. basilaris, seltener ACA A1/ACP P1). Klinisch meist ausgeprägtes Defizit (häufig NIHSS ≥ 6), Nachweis per CT-Angiographie. Ein LVO ist der Prototyp der Thrombektomie-Indikation — die systemische Lyse allein rekanalisiert große Thromben nur selten.-Verdacht → Thrombektomie-Pfad
CTA bestätigt großen Gefäßverschluss → mechanische Thrombektomie, in selektierten Fällen (Mismatch) bis 24 h; Basilarisverschluss eigenes Fenster bis 24 h.
Periinterventionelles Setting
  • Intensiv-/Anästhesie-Standby: Atemweg, Sedierungs-/Narkosekonzept, RR-Steuerung.
  • Nach Rekanalisation: Reperfusions-/Einblutungsrisiko, RR-Korridor, Vigilanz engmaschig.
Tirofiban (Aggrastat) · GP-IIb/IIIa-Hemmer
Was es ist

Tirofiban ist ein Antagonist des GP IIb/IIIa ist der Fibrinogenrezeptor auf der Thrombozytenoberfläche. Er ist der gemeinsame Endweg jeder Plättchenaktivierung: Erst wenn Fibrinogen und von-Willebrand-Faktor an ihn binden, vernetzen sich die Thrombozyten. Blockiert man ihn, greift keine Aktivierungskaskade mehr — deshalb hemmen GP-IIb/IIIa-Antagonisten stärker als ASS oder Clopidogrel, die weiter oben ansetzen.. Er blockiert damit den letzten gemeinsamen Schritt der Thrombozytenaggregation und wirkt deutlich stärker als ASS, das die Aggregation selbst in maximaler Dosis nur teilweise hemmt. Halbwertszeit rund 2 Stunden — die Plättchenfunktion erholt sich nach dem Abstellen innerhalb weniger Stunden. Aus der Kardiologie beim akuten Koronarsyndrom längst bekannt.

Wo es auf der Neuro-ICU vorkommt
  • Periinterventionell — Rescue-Stenting nach frustraner Thrombektomie, notfallmäßige Karotisstentung bei Tandemläsion, akute Stentthrombose. Retrospektive Daten zeigen, dass eine alleinige Plättchenhemmung mit Tirofiban bei notfallmäßiger Karotisstentung das funktionelle Ergebnis verbessern kann — bei niedrigeren Raten schwerer intrakranieller Blutungen.
  • Ohne großen Gefäßverschluss — die Konstellation aus RESCUE BT2: NIHSS ≥ 5, Parese mindestens einer Extremität, kein großer oder mittlerer Gefäßverschluss, weder lysierbar noch thrombektomierbar — oder klinische Verschlechterung bzw. ausbleibende Besserung nach Lyse.
Was die Studien sagen
  • RESCUE BT2 (NEJM 2023, 1177 Patienten): mRS 0–1 nach 90 Tagen bei 29,1 % unter Tirofiban gegen 22,2 % unter ASS. Symptomatische intrakranielle Blutungen 1,0 % gegen 0 %, Sterblichkeit ohne signifikanten Unterschied.
  • RESCUE BT (JAMA 2022): Tirofiban vor der Thrombektomie beim großen Gefäßverschluss brachte keinen Vorteil gegenüber Placebo — also kein Routineeinsatz vor der Intervention.
  • SaTIS (Stroke 2011) und SETIS (2010) blieben ohne funktionellen Vorteil; SETIS wurde vorzeitig gestoppt.
Dosierung · in Europa übliches Schema
Aufsättigung0,4 µg/kg/min über 30 Minuten
Erhaltung0,1 µg/kg/min als Dauerinfusion — in RESCUE BT2 über 2 Tage, anschließend Umstellung auf ASS
Niererenale Elimination — bei schwerer Niereninsuffizienz Dosisreduktion nach Anordnung
Am Bett
  • Thrombozyten vor Beginn, wenige Stunden nach Start und danach täglich — eine tirofibaninduzierte Thrombozytopenie kann innerhalb von Stunden auftreten.
  • Blutungsvisite: Punktionsstelle in der Leiste nach Thrombektomie, Zahnfleisch, Nase, Urin, Magensonde, Trachealsekret. Neue Vigilanzminderung oder Kopfschmerz → sofort CCT-Frage stellen.
  • Keine zusätzliche Plättchenhemmung oder Heparinisierung ohne ausdrückliche Anordnung.
  • Die kurze Halbwertszeit ist der Vorteil: Bei Blutung oder dringlicher Operation wird abgestellt, die Gerinnung erholt sich in Stunden — anders als bei ASS oder Clopidogrel.
Cave: Der Einsatz beim Schlaganfall ist in Deutschland off label — zugelassen ist Tirofiban für das akute Koronarsyndrom. Die positiven Daten stammen überwiegend aus chinesischen Kollektiven mit hohem Anteil kleiner tiefer Infarkte, die Übertragbarkeit ist daher begrenzt. Anwendung nur nach individueller ärztlicher Entscheidung und hausinterner Absprache; Dosierungen sind Richtwerte. Studien & Quellen: Referenzen · Schlaganfall.
Merke: NIHSS = Schweregrad & Triage, nicht Lyse-Indikation.
Steuergrößen: Zeit (Lyse vs. erweitertes Fenster) · Blutung ja/nein · NIHSS ≥ 6 + Gefäßstatus (Thrombektomie) · NIHSS-Höhe (Überwachungsintensität, Atemweg, Ödemrisiko).
Lyse / go bildgebungsabhängig LVO / Thrombektomie Stop / Blutung
⌖ Tipps & Tricks beim Untersuchen
Allgemeine Durchführung
  • Feste Reihenfolge einhalten, Items nicht nachholen — die erste Reaktion zählt.
  • Werten, was der Patient tut, nicht was er könnte. Nicht vorsagen oder üben lassen.
  • Ataxie (7) nur bei ausreichender Kraft beurteilen — eine Parese erklärt keine Ataxie.
  • Aphasie (9) von Vigilanzminderung trennen, sonst wird der Wert überschätzt.
  • Bei Intubation/Sprachbarriere: Dysarthrie ggf. „nicht testbar", Sprache über Schreiben prüfen.
  • Immer im Seitenvergleich. Score mit Uhrzeit dokumentieren → Verlaufsparameter.
  • Kleiner Score ≠ wenig Behinderung (z. B. isolierte Aphasie, Handfunktion).
Pupillenkontrolle

Nicht Teil des NIHSS-Scores, aber Pflicht im neurologisch-intensivmedizinischen Status und Surrogat der Hirnstammfunktion.

Wie durchführen

  • Raum leicht abdunkeln, Patient fixiert einen fernen Punkt.
  • Lichtquelle (Pen-Light) von temporal/lateral einschwenken.
  • Direkte Reaktion am beleuchteten, konsensuelle (indirekte) am anderen Auge prüfen.
  • Swinging-Flashlight-Test: Licht zügig zwischen beiden Augen wechseln, um afferente Defekte aufzudecken.

Worauf achten

  • Größe in mm & Seitengleichheit: Isokorie vs. Anisokorie.
  • Weite: eng = Miosis, weit = Mydriasis. Form: rund vs. entrundet.
  • Lichtreaktion: prompt / träge / fehlend (Lichtstarre).

Störungen (Fachbegriffe)

  • RAPD (relativer afferenter Pupillendefekt / Marcus-Gunn) im Swinging-Test → Optikus-/Retinaläsion.
  • Horner-Syndrom: Miosis + Ptosis + Enophthalmus (Trias).
  • Bilaterale stecknadelkopfgroße Miosis → pontine Läsion oder Opioide.
  • Bilaterale lichtstarre Mydriasis → schwere Mittelhirnschädigung/Hypoxie, Anticholinergika.
Rote Flagge: neu aufgetretene einseitige, lichtstarre Mydriasis → V. a. Okulomotorius-(III)-Parese durch Einklemmung (Unkusherniation) — sofortige Reaktion.

Handhabung

  • Ausgangsbefund (mm + Reaktion) dokumentieren — entscheidend ist der Verlauf.
  • Cave Störfaktoren: Mydriatika/Augentropfen, Glasauge, Z. n. Katarakt-OP, vorbestehende Anisokorie.
  • Unter Sedierung/Intubation regelmäßig kontrollieren; ggf. Pupillometer (NPi) für objektive Werte.
Blickfolge & Okulomotorik

Im NIHSS wird nur die horizontale konjugierte Blickbewegung (Item 2) gewertet — Pursuit-Details und Nystagmus zählen dort nicht, sind aber topodiagnostisch wertvoll.

Wie durchführen

  • Blickfolge (smooth pursuit): Finger langsam im „H"-Muster horizontal und vertikal folgen lassen, Kopf fixiert.
  • Sakkaden: rascher Blickwechsel zwischen zwei Zielen.
  • Beim Bewusstlosen: okulozephaler Reflex (Puppenkopfphänomen) — Cave HWS-Trauma; alternativ Kaltspülung (vestibulookulärer Reflex).

Störungen (Fachbegriffe)

  • Déviation conjuguée: supratentoriell „schaut zum Herd" (Blick zur Läsion), pontin „schaut die Lähmung an" (von der Läsion weg).
  • Blickparese (horizontal/vertikal), Nystagmus (Spontan-/Blickrichtungsnystagmus).
  • Internukleäre Ophthalmoplegie (INO): MLF-Läsion → Adduktionsdefizit + dissoziierter Nystagmus des abduzierenden Auges.
  • Diplopie / Schielstellung (Strabismus).

Handhabung

  • Seitenvergleich, Befund stets mit Richtung dokumentieren.
  • Bei eingeschränkter Mitarbeit: Reflexe (okulozephal/-vestibulär) statt aktiver Folgebewegung nutzen.
Glossar · Begriffe am Bett (ICU / Stroke Complex)

Gängige Terminologie im Stroke-Complex / auf der neurologischen Intensivstation — gruppiert, jede Gruppe einzeln ausklappbar.

Bewusstsein & Vigilanz

Vigilanz — Wachheitsgrad. Abstufung: wach → somnolent (schläfrig, leicht weckbar) → soporös (nur auf starke Reize) → Koma (nicht erweckbar).

GCS — Glasgow Coma Scale, Punkte für Augen-, verbale, motorische Reaktion (3–15).

Delir — akute, fluktuierende Verwirrtheit; hypo- oder hyperaktiv. Stupor — Reaktionsarmut bei erhaltenem Bewusstsein.

qualitativ vs. quantitativ — Inhalt (Verwirrtheit) vs. Wachheit (Vigilanzminderung).

Lokalisation & Motorik

ipsi-/kontralateral — gleiche/gegenüberliegende Seite. supra-/infratentoriell — ober-/unterhalb des Tentoriums (Hirnstamm/Kleinhirn).

Hemiparese/-plegie — halbseitige Schwäche/Lähmung. Tetra-/Monoparese, brachiofazial betont (Arm + Gesicht).

zentral vs. peripher — bei fazialer Parese: Stirn frei (zentral) vs. mitbetroffen (peripher).

Babinski / Pyramidenbahnzeichen — Hinweis auf Schädigung der zentralen Motorik.

Sprache, Schlucken & Kognition

Aphasie — Sprachstörung: Broca (motorisch), Wernicke (sensorisch), global, amnestisch.

Dysarthrie — Artikulationsstörung (Motorik des Sprechens). Dysphagie — Schluckstörung → Aspirationsrisiko.

Neglect — Vernachlässigung einer Raum-/Körperhälfte. Anosognosie — fehlende Krankheitswahrnehmung. Apraxie — gestörte Handlungsausführung.

Augen & Pupillen

Isokorie / Anisokorie — gleiche/ungleiche Pupillenweite. Miosis / Mydriasis — eng/weit. Lichtstarre — fehlende Reaktion.

Ptosis — Lidsenkung. Horner-Syndrom — Miosis + Ptosis + Enophthalmus.

Déviation conjuguée — konjugierte Blickwendung. Nystagmus, INO (internukleäre Ophthalmoplegie), Diplopie (Doppelbilder).

Hirndruck & Komplikationen

ICP — intrakranieller Druck. CPP — zerebraler Perfusionsdruck (MAP − ICP).

Maligner Mediainfarkt — raumforderndes Ödem; Mittellinienverlagerung (midline shift); Herniation/Einklemmung (unkal, transtentoriell, tonsillär).

Cushing-Trias — Hypertonie + Bradykardie + irreguläre Atmung (Hirndruckzeichen).

Hämorrhagische Transformation — Einblutung ins Infarktareal. Vasospasmus (v. a. nach SAB). EVD — externe Ventrikeldrainage bei Hydrozephalus.

Bildgebung, Scores & Versorgung

LVO — großer Gefäßverschluss. ASPECTS — CT-Score der Frühischämie. Core / Penumbra / Mismatch — Infarktkern, rettbares Gewebe, deren Differenz.

Rekanalisation / TICI — Reperfusionsgrad nach Thrombektomie. Bridging — Lyse + Thrombektomie kombiniert. DSA — digitale Subtraktionsangiographie.

mRS — modified Rankin Scale (Outcome 0–6). Barthel-Index — Alltagsfähigkeit. last seen well / wake-up stroke — Zeitfensterbezug.

Gefäßterritorien / ICB / SABdie verschiedenen Krankheitsbilder

Territoriale Syndrome und die Blutungsformen nach Kompartiment — jeweils einzeln ausklappbar.

◉ Die verschiedenen Krankheitsbilder
Gefäßterritorien & Syndrome

Symptom → Territorium. Amber = vorderer Kreislauf (Karotis), Cyan = hinterer Kreislauf (vertebrobasilär).

Vorderer Kreislauf · Karotis-Stromgebiet

A. cerebri media (ACM/MCA)häufigster Territorialinfarkt. Kontralaterale, brachiofazial betonte Hemiparese/-hypästhesie, Blickdeviation zum Herd, homonyme Hemianopsie. Dominante Hemisphäre → Aphasie, nicht-dominant → Neglect. M1-Hauptstamm = LVO.

A. cerebri anterior (ACA)beinbetonte kontralaterale Parese, Antriebsminderung/Abulie, ggf. Harninkontinenz.

A. carotis interna (ACI)kann ACM + ACA kombinieren. Amaurosis fugax (A. ophthalmica) als Warnsymptom.

M-Segmente · A. cerebri media (M1–M4)

M1 (sphenoidal/horizontal)ICA-Bifurkation bis Bi-/Trifurkation; gibt die lentikulostriären Perforatoren ab (Basalganglien, Capsula interna). Verschluss = proximaler LVO, großes Territorium + tiefe Strukturen → klare Thrombektomie-Indikation.

M2 (insular)im Sulcus lateralis über der Insel, meist oberer/unterer Hauptast. Verschluss territorial relevant; Thrombektomie bei behinderndem Defizit zunehmend etabliert.

M3 (opercular)über dem frontoparietalen/temporalen Operculum.

M4 (kortikal)distale Äste über der Konvexität.

Merke: Perforatoren aus M1 — bei proximalem Verschluss kann das Stammganglien-Areal auch nach Rekanalisation verloren gehen.

Hinterer Kreislauf · vertebrobasilär

A. cerebri posterior (ACP/PCA)homonyme Hemianopsie (oft mit Makula-Aussparung), visuelle & Lesestörungen, Thalamus-Syndrome.

A. basilarisHirnstamm: Tetraparese, Vigilanzminderung, Hirnnervenausfälle, gekreuzte Symptomatik. Notfall — erweitertes Thrombektomie-Fenster bis 24 h.

A. vertebralis / PICAWallenberg-Syndrom (s. u.).

Kleinhirnarterien (PICA / AICA / SCA)Schwindel, Ataxie, Nystagmus. Cave: raumfordernder Kleinhirninfarkt → Hirnstammkompression, Hydrozephalus.

V-Segmente · A. vertebralis (V1–V4)

V1 (prävertebral/ostial)Abgang aus der A. subclavia bis zum Eintritt ins Foramen transversarium (meist C6).

V2 (foraminal/transversal)zieht durch die Foramina transversaria C6–C2.

V3 (atlantal/suboccipital)nach Austritt aus C2, schlingt um den Atlas (C1) bis zur Dura. Häufige Lokalisation einer Dissektion (jung, nach Trauma/HWS-Manipulation, oft Nackenschmerz + Horner).

V4 (intrakraniell/intradural)durchtritt die Dura, vereinigt sich zur A. basilaris, gibt die PICA ab. Verschluss → PICA-/lateraler Medullainfarkt (Wallenberg), Basilaris-Beteiligung möglich.

Merke: V1/V2 extrakraniell → Domäne der Dissektion; V4 intrakraniell → relevanter Verschluss der hinteren Zirkulation, oft mit Basilaris kombiniert.

Lakunär & Grenzzone

Lakunäre Syndromeperforierende Kleingefäße (Basalganglien, Capsula interna, Pons): pure motor, pure sensory, sensomotor, ataktische Hemiparese, „dysarthria–clumsy hand". Typisch ohne kortikale Zeichen (keine Aphasie/Neglect).

Grenzzoneninfarkt (Watershed)bei Hypotension/hämodynamischer Insuffizienz zwischen zwei Territorien; „man in the barrel".

Eponym-Syndrome

Wallenberg-Syndrom (lateraler Medulla-oblongata-Infarkt, PICA/A. vertebralis): ipsilateral Horner + Gesichtssensibilität + Dysphagie/Heiserkeit + Ataxie; kontralateral dissoziierte Sensibilität; Schwindel/Nystagmus.

Locked-in-Syndrom (ventraler Ponsinfarkt, A. basilaris): Tetraplegie + Anarthrie bei erhaltenem Bewusstsein; vertikale Augenbewegungen/Lidschlag erhalten.

Déjerine-Roussy (Thalamussyndrom, ACP-Perforatoren): kontralateraler Sensibilitätsverlust + späterer Thalamusschmerz.

Amaurosis fugax: passagere monokuläre Erblindung (A. ophthalmica/Karotis) — Warnsymptom.

Intrakranielle Blutungen · inkl. SAB

Nach Kompartiment. CCT ist der erste Schritt — eine Blutung schließt Lyse/Thrombektomie aus und öffnet den Blutungspfad.

Epidural (EDH)

Zwischen Schädel und Dura, meist arteriell (A. meningea media) nach temporalem Trauma. CT: bikonvex/linsenförmig, respektiert Schädelnähte. Klassisch freies Intervall (lucid interval), dann rasche Eintrübung → Notfall-Entlastung.

Subdural (SDH)

Zwischen Dura und Arachnoidea, venös (Brückenvenen). CT: sichelförmig, überschreitet Nähte, nicht aber Duraduplikaturen. Akut hyperdens (Trauma) vs. chronisch hypodens (ältere/antikoagulierte Patienten, Bagatelltrauma).

Subarachnoidalblutung (SAB)

Ursachenicht-traumatisch meist aneurysmatisch (sakkuläre Aneurysmen am Circle of Willis: A. comm. anterior, A. comm. posterior, MCA-Bifurkation); daneben traumatisch.

KlinikDonnerschlagkopfschmerz (thunderclap), Meningismus, Übelkeit, Vigilanzminderung.

DiagnostikCCT (in den ersten Stunden sehr sensitiv); bei negativem CT + Verdacht Lumbalpunktion (Xanthochromie, 3-Gläser-Probe). Aneurysma-Nachweis per CT-Angiographie/DSA.

Schweregradklinisch Hunt & Hess (I–V) bzw. WFNS (GCS-basiert); CT-Blutmenge Fisher-Skala (Vasospasmus-Risiko).

KomplikationenVasospasmus (Tag 4–14 → verzögerte zerebrale Ischämie/DCI), Hydrozephalus (→ EVD), Rezidivblutung, Hyponatriämie (CSW/SIADH), neurogenes kardiales Stunning.

Therapiesiehe eigener Unterpunkt ESO/EANS/ESMINT-Leitlinie 2026 — frühe Aneurysma-Ausschaltung (endovaskuläres Coiling / operatives Clipping), Nimodipin, RR-/Volumenmanagement, EVD bei Hydrozephalus.

→ NCH-Management: ICP/CPP-Steuerung, EVD-Handling, Blutdruck- und Vasospasmus-Therapie im Abschnitt Neurochirurgie (NCH) & Hirndruck-Management.

SAB · ESO/EANS/ESMINT-Leitlinie 2026

Die europäische Leitlinie zur aneurysmatischen SAB (Vergouwen et al., Eur Stroke J 2026) löst die ESO-Fassung von 2013 ab. Sie ist nach GRADE erstellt und trennt evidenzbasierte Empfehlungen von 37 Experten-Konsens-Statements. Zur Einordnung: Die Letalität liegt bei rund 40 % innerhalb von drei Monaten, das Medianalter bei 52 Jahren, die Mehrzahl der Betroffenen sind Frauen. Ohne Versorgung blutet etwa jedes zweite Aneurysma nach.

Empfohlen — hohes Evidenzniveau

Nimodipin oralfür alle Patienten. Kalziumantagonisten senken das Risiko eines schlechten funktionellen Ergebnisses (OR 0,75); getragen wird der Effekt von den Studien zu oralem Nimodipin (OR 0,56). Der Effekt auf die Sterblichkeit bleibt unsicher.
Coilingbei Patienten in gutem klinischem Zustand ist reguläres Coiling dem Clipping vorzuziehen, sofern beide Verfahren gleichermaßen geeignet sind — schlechtes Ergebnis nach einem Jahr OR 0,69, absolute Risikoreduktion 7 %. Gilt ausdrücklich nur für Coiling ohne Zusatzdevices.

Ausdrücklich nicht empfohlen

gegen den Routineeinsatz
  • Antifibrinolytika (Tranexamsäure) vor der Aneurysmaversorgung
  • Statine
  • Magnesiumsulfat
  • Endothelin-Rezeptorantagonisten (Clazosentan)
  • Tirilazad
keine Empfehlung möglich
  • prophylaktische Thrombozytenaggregationshemmer
  • externe Lumbaldrainage
  • induzierte Hypertonie
  • andere endovaskuläre Verfahren als Coils
  • endovaskuläre Vasospasmus-Therapie
Tranexamsäure — die wichtigste Änderung: Antifibrinolytika senken zwar die Nachblutungsrate (RR 0,56), verbessern aber weder das funktionelle Ergebnis (OR 1,03) noch die Sterblichkeit (OR 0,96). Die ULTRA-Studie belegte für die ultrafrühe Kurzzeitgabe eindeutig keinen Nutzen. Erklärt wird der Widerspruch mit mehr ischämischen Komplikationen und Hydrozephalus.

Experten-Konsens · Struktur und Zeitfenster

  • Behandlung auf einer dedizierten Neuro-ICU oder Überwachungseinheit in einem Zentrum mit mindestens 70 aSAB-Patienten pro Jahr (mindestens 35 in geografisch abgelegenen Regionen).
  • Versorgung des rupturierten Aneurysmas möglichst innerhalb von 24 Stunden — vorausgesetzt, das erfahrenste Team ist verfügbar.
  • Der Behandler sollte mindestens 30 intrakranielle Aneurysmen pro Jahr versorgen; die Entscheidung fällt ein multidisziplinäres Team aus mindestens einem Neurochirurgen und einem Neurointerventionalisten.

Experten-Konsens · am Bett

Blutdruck vor VersorgungBei sehr hohen Werten kann eine Senkung das Nachblutungsrisiko verringern; ob sie das Ergebnis verbessert, ist unklar. Wenn gesenkt wird, dann langsam und kontrolliert, ohne Unterschießen, mit kurzwirksamen Substanzen.
Bei DCIEine Blutdruckanhebung kommt erst in Betracht, nachdem das Aneurysma gesichert ist und die Volumengabe nicht gereicht hat. Ballonangioplastie nur als letzte Rescue-Option nach multidisziplinärer Abwägung.
MonitoringCT und CT-Perfusion bei Verschlechterung oder nicht beurteilbarer Klinik. Routinemäßiges invasives Neuromonitoring, EEG und komplexe Monitoringsysteme werden nicht empfohlen — der Nutzen ist unklar.
HydrozephalusDrainage bei Vigilanzminderung; die Art richtet sich nach Bildgebung und Ventrikelblut. Dauerableitung bei chronischem Hydrozephalus, wenn die temporäre Drainage nicht mehr sicher ist.
Einordnung: Die deutsche DGN-Leitlinie zur SAB ist älter als dieses Dokument. Bei Abweichungen gilt der Hausstandard — die europäische Fassung bildet den aktuelleren Wissensstand ab. Quellen: Referenzen · Schlaganfall.
Intrazerebral (ICB) & intraventrikulär (IVH)

HypertensivRhexisblutung perforierender Arterien (Charcot-Bouchard); typisch Putamen/Basalganglien, Thalamus, Pons, Kleinhirn.

Lobäroft zerebrale Amyloidangiopathie (ältere Patienten); weitere Ursachen: Antikoagulation, AVM, Tumor, Sinusvenenthrombose (venös).

Managementfrühe RR-Senkung (Ziel meist syst. < 140), Gerinnung antagonisieren, ICH-Score (Prognose). Cave Hämatomausdehnung & Ödem. Kleinhirnblutung > 3 cm / Hirnstammkompression → notfallmäßige Evakuation.

IVHBlut im Ventrikelsystem (primär/sekundär) → Hydrozephalusrisiko, häufig EVD.

→ NCH-Management: Hirndruck, EVD und Blutdruckziele im Abschnitt Neurochirurgie (NCH) & Hirndruck-Management.

Autoimmunerkrankungenneuromuskuläre Notfälle · GBS & Myasthenia gravis

Zwei antikörpervermittelte Erkrankungen, die auf der Intensivstation dasselbe Kernproblem machen: Versagen der Atempumpe bei wachem Patienten. Die Ateminsuffizienz kündigt sich klinisch an — nicht über die Pulsoxymetrie.

◉ Die verschiedenen Krankheitsbilder
Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
akute PolyradikuloneuritisNadir ≤ 4 Wochen20–30 % beatmungspflichtig

Akute, immunvermittelte Entzündung von Nervenwurzeln und peripheren Nerven. Häufigste Ursache der akuten schlaffen Lähmung. In 60–70 % geht 1–3 Wochen zuvor ein Infekt voraus (Campylobacter jejuni, CMV, EBV, Mykoplasmen, Influenza) — per molekularer Mimikry entstehen Antikörper, die Myelin bzw. Axon angreifen.

Klinik & Varianten

Leitbildsymmetrische, meist von distal aufsteigende schlaffe Parese mit Areflexie, oft proximal mitbetont. Parästhesien und tiefe Rücken-/Beinschmerzen gehen der Schwäche häufig voraus. Maximum (Nadir — der Tiefpunkt des Verlaufs, also der Zeitpunkt der größten Muskelschwäche. Beim GBS definitionsgemäß innerhalb von 4 Wochen erreicht; danach beginnt die Plateau- und Erholungsphase.) definitionsgemäß innerhalb von 4 Wochen, meist nach 2 Wochen.

Hirnnervenbeidseitige Fazialisparese ist typisch; bulbäre Beteiligung (Schlucken, Sprechen, Hustenstoß) kündigt Aspiration und Atemversagen an.

AIDP = akute inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie.demyelinisierende Form — in Europa mit ca. 90 % die häufigste Variante.

AMAN = akute motorische axonale Neuropathie. AMSAN = akute motorisch-sensible axonale Neuropathie.akute motorische (bzw. motorisch-sensible) axonale Neuropathie. Häufig nach Campylobacter, oft schwererer Verlauf, langsamere Erholung.

Miller-Fisher-SyndromTrias Ophthalmoplegie — Lähmung der äußeren Augenmuskeln; die Bulbi lassen sich nicht mehr frei bewegen. Folge sind Doppelbilder bis hin zum bewegungslosen Auge. + Ataxie + Areflexie, assoziiert mit Anti-GQ1b-Antikörpern. Übergang zur Bickerstaff-Hirnstammenzephalitis (zusätzlich Vigilanzminderung) möglich.

Pharyngeal-zervikal-brachialSchwäche betont in Rachen, Nacken und Armen — wird leicht als Hirnstammsyndrom fehlgedeutet.

Diagnostik

Liquorzytoalbuminäre Dissoziation — Eiweiß erhöht bei normaler Zellzahl. Cave: in der ersten Krankheitswoche noch bei bis zu 50 % normal, ein unauffälliger Befund schließt GBS nicht aus. Deutliche Pleozytose spricht gegen GBS (an HIV, Borreliose, Meningeosis denken).

ElektrophysiologieNeurografie trennt demyelinisierend (Leitungsblock, verlängerte F-Wellen und distal motorische Latenzen) von axonal. F-Wellen sind oft der früheste Befund.

AntikörperAnti-Gangliosid-Antikörper (GM1, GD1a bei axonalen Formen, GQ1b bei Miller-Fisher) stützen die Diagnose, sind aber nicht Voraussetzung.

AbgrenzenRückenmarksläsion (Sensibilitätsniveau, Blasenstörung früh), Myasthenie, Botulismus (absteigend, Pupillen weit), Hypokaliämie, Critical-Illness-Polyneuropathie.

Atmung überwachen · ICU-Kriterien

RhythmusIn der Progressionsphase Vitalkapazität und Muskelkraft alle 4–8 Stunden kontrollieren (DGN 2026) — und immer zusätzlich bei klinischer Verschlechterung.

20/30/40-RegelIntensivüberwachung bei VC < 20 ml/kg, maximalem Inspirationsdruck schwächer als −30 cmH₂O oder maximalem Exspirationsdruck < 40 cmH₂O. Elektive Intubation eher bei VC < 15 ml/kg, Abfall > 30 % in 24 h oder relevanter bulbärer Schwäche. Die Regel ist ein Trigger zum Nachdenken, kein Automatismus — die Trendentwicklung wiegt schwerer als der Einzelwert.

Bedside ohne GerätEinzelatemzählprobe (nach tiefer Einatmung laut zählen — unter 20 ist auffällig), Sprechen in kurzen Sätzen, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, paradoxe Bauchatmung im Liegen, Kopfhebeschwäche, schwacher Hustenstoß.

Autonome Dysfunktionbei bis zu zwei Dritteln: Blutdruck- und Frequenzschwankungen, Bradykardie bis Asystolie (typisch beim Absaugen oder Umlagern), Ileus, Harnverhalt, SIADH. Kontinuierliches EKG-Monitoring, Atropin griffbereit.

EGRISErasmus GBS Respiratory Insufficiency Score — schätzt aus Zeit seit Symptombeginn, fazialer/bulbärer Schwäche und MRC-Summenscore die Wahrscheinlichkeit einer Beatmungspflicht in der ersten Woche.

Cave: Die SpO2 fällt erst spät — sie ist kein Frühwarnzeichen der neuromuskulären Ateminsuffizienz. Ebenso wenig ein „noch normaler“ paCO₂: Erschöpfung tritt abrupt ein. Es zählt der klinische Verlauf.
Therapie

GleichwertigIVIg 0,4 g/kg KG/Tag über 5 Tage oder Plasmapherese (4–5 Austausche über 1–2 Wochen) bzw. Immunadsorption. Die Wahl richtet sich nach Verfügbarkeit, Kreislaufstabilität und Zugangssituation. Vor IVIg Nierenfunktion prüfen und ausreichend hydrieren.

Nicht kombinierenPlasmapherese nach IVIg bringt keinen Zusatznutzen und wäscht die Immunglobuline wieder aus.

Keine SteroideGlukokortikoide sind beim GBS unwirksam und sollen nicht gegeben werden.

Neu (DGN 2026)Bei ausbleibendem Ansprechen auf den ersten IVIg-Zyklus soll die Gabe nicht wiederholt werden.

SupportivThromboseprophylaxe, Dekubitus- und Kontrakturprophylaxe, frühe Physiotherapie, Dysphagie-Management, Augenschutz bei Fazialisparese.

Schmerzneuropathische Schmerzen betreffen bis zu zwei Drittel und werden regelmäßig unterschätzt — aktiv erfragen; Gabapentinoide sind wirksamer als reine Opioidgabe.

Cave RSI: Succinylcholin ist kontraindiziert — durch Denervierungsüberempfindlichkeit droht eine lebensbedrohliche Hyperkaliämie. Stattdessen Rocuronium (Antagonisierung mit Sugammadex möglich). Näheres unter Intubation.
Medikamente & Verfahren auf der ICU

Es gibt keine kausale Therapie. Auf der Intensivstation stehen drei Blöcke nebeneinander: Immuntherapie, Schmerztherapie und die Beherrschung der autonomen Störung.

Immuntherapie — konkret

IVIg0,4 g/kg KG/Tag über 5 Tage (Gesamtdosis 2 g/kg). Vorher IgA-Spiegel bestimmen und Nierenfunktion prüfen, ausreichend hydrieren. Gegenanzeigen: IgA-Mangel, schwere Niereninsuffizienz, Hyperkoagulabilität. Langsam einlaufen lassen, Infusionsreaktionen in der ersten Stunde beobachten.
Plasmapherese4–5 Austausche über 1–2 Wochen, jeweils etwa das 1- bis 1,5-fache Plasmavolumen. Substitution mit Humanalbumin. Großlumiger Dialysekatheter nötig — frühzeitig anlegen, solange der Kreislauf noch stabil ist.
Immunadsorptiongleichwertige Alternative, keine Plasmaproteinsubstitution nötig, geringere Gerinnungsstörung. Cave: ACE-Hemmer sind eine Kontraindikation — vorab absetzen.
Glukokortikoidenicht geben — unwirksam beim GBS.

Neuropathischer Schmerz

Betrifft bis zu zwei Drittel und ist regelmäßig untertherapiert. Klassische Analgetika allein reichen nicht — Koanalgetika sind die tragende Säule.

Gabapentineinschleichend ab 3 × 100–300 mg/Tag, Steigerung nach Wirkung; Dosisreduktion bei Niereninsuffizienz.
Pregabalinab 2 × 75 mg/Tag, Steigerung nach Wirkung; ebenfalls nierenadaptiert.
BasisanalgesieMetamizol oder Paracetamol als Grundlage — wirkt gegen den muskulären Anteil, nicht gegen den neuropathischen.
Opioidezurückhaltend und nie als Monotherapie. Sie verschärfen die ohnehin vorhandene Darmatonie und die Atemdepression — bei beatmeten Patienten kurzwirksame Substanzen bevorzugen.

Autonome Dysfunktion

BradykardieAtropin griffbereit am Bett. Bei rezidivierenden Bradykardien oder Asystolie-Episoden frühzeitig einen externen Schrittmacher anlegen — das ist auf der ICU der Standardweg, bevor es zum Ereignis kommt.
Blutdrucknur kurzwirksame Substanzen einsetzen (z. B. Urapidil), weil die Hypertonie in Minuten in eine Hypotonie umschlagen kann. Langwirksame Antihypertensiva sind hier gefährlich.
Ileus / HarnverhaltDarmtätigkeit täglich beurteilen, Prokinetika nach Anordnung, Blasenkatheter oder Restharnkontrolle. Auf SIADH mit Hyponatriämie achten.

Begleittherapie

  • Thromboseprophylaxe mit niedermolekularem Heparin plus Kompression — das Risiko ist bei kompletter Immobilität hoch.
  • Sedierung beim beatmeten GBS-Patienten so flach wie möglich, kurzwirksame Substanzen — der Patient ist wach und soll kommunizieren können.
  • Kein Succinylcholin bei Intubation (Hyperkaliämiegefahr) — Rocuronium mit Sugammadex-Rückfalloption.
  • Frühzeitig an Tracheotomie denken, wenn sich ein prolongiertes Weaning abzeichnet.
Alle Dosierungen sind Richtwerte zur Orientierung. Verbindlich sind die ärztliche Anordnung und die hausinterne SOP — besonders bei nierenadaptierter Dosierung von Gabapentin und Pregabalin.
Am Bett · Pflegeschwerpunkte

BeobachtenAtemfrequenz und -muster, Sprechlänge, Hustenkraft, Schluckversuche, Kopfheben, Seitenvergleich der Kraft — jede Schicht dokumentieren, damit der Trend sichtbar wird.

KommunikationBei Tetraparese mit Beatmung ist der Patient wach und orientiert. Kommunikationstafel oder Lidschlagcode etablieren, alles ankündigen, Angehörige einbeziehen. Sedierung ersetzt keine Kommunikation.

LagernDruckstellen und Nervenkompression (Fibulaköpfchen, Ulnarisrinne) aktiv verhindern — Sensibilitätsstörungen maskieren Warnsymptome. Spitzfußprophylaxe.

Absaugenvorher oxygenieren, kurz absaugen, EKG im Blick behalten — vagale Reaktion mit Bradykardie/Asystolie ist beschrieben.

Myasthenia gravis & myasthene Krise
Störung der EndplattebelastungsabhängigKrise = Beatmungsbedarf

Autoimmunerkrankung der neuromuskulären Endplatte. Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor (rund 85 %), gegen MuSK = Muscle-Specific Kinase — eine muskelspezifische Rezeptor-Tyrosinkinase, die den Acetylcholinrezeptor in der Endplatte verankert. MuSK-positive Myasthenien verlaufen häufig bulbär betont und sprechen schlechter auf Acetylcholinesterase-Hemmer an. oder LRP4 blockieren die Signalübertragung. Leitsymptom ist die belastungsabhängige Muskelschwäche: schlechter im Tagesverlauf und unter Anstrengung, besser nach Ruhe.

Klinik & Einteilung

OkulärPtosis und Doppelbilder sind bei etwa der Hälfte das Erstsymptom. Bedside: Simpson-Test (längerer Blick nach oben verstärkt die Ptosis), Eisbeutel-Test (Kälte bessert sie).

Bulbärnäselnde Sprache, Kauschwäche gegen Ende der Mahlzeit, Dysphagie, schwacher Hustenstoß — die intensivmedizinisch entscheidende Domäne.

Axial & ExtremitätenNackenhalteschwäche („dropped head“), proximal betonte Schwäche, zuletzt die Atemmuskulatur.

ThymusThymom bei etwa 10–15 %, Thymushyperplasie häufig bei jungen AChR-Antikörper-positiven Patienten — CT/MRT des Mediastinums gehört zur Erstdiagnostik.

  • Schweregrad nach MGFA = Myasthenia Gravis Foundation of America-Klassifikation. I rein okulär · II leichte generalisierte Schwäche · III mäßige · IV schwere generalisierte Schwäche — jeweils a (Extremitäten/axial betont) oder b (bulbär/respiratorisch betont) · V Intubationspflicht (myasthene Krise). Die Verlaufsbeurteilung ergänzt QMG, MG-ADL und MG-QoL15r. — Stufe V bedeutet Intubationspflicht.
Myasthene Krise

DefinitionExazerbation mit respiratorischer Insuffizienz und/oder schwerer bulbärer Schwäche, die eine Beatmung erforderlich macht — ein intensivmedizinischer Notfall.

AuslöserInfekt (häufigster Trigger), Operation und Narkose, Eigenmacht oder Fehler in der Medikation, zu rasche Steroid-Aufdosierung, Schwangerschaft/Geburt, Stress, kontraindizierte Medikamente. Der Auslöser muss aktiv gesucht und behandelt werden.

Warnzeichen der drohenden Krisezunehmende Schluckstörung bis zur inversen Aspiration (Speisen gelangen beim Schlucken in die Nase), Räuspern nach dem Schlucken, schwacher Hustenstoß, im Satzverlauf zunehmende Dysarthrie, dropped chin (Unterkiefer fällt nach längerem Kauen), dropped head, neue faziale Schwäche sowie eine Vitalkapazität unter etwa 1500 ml bei Männern bzw. 1000 ml bei Frauen (rund 20 ml/kg KG). Zeitlich typisch ist eine Verschlechterung über die letzten Tage bis maximal 30 Tage.

AtemwegssicherungFrühe nichtinvasive Beatmung kann die Intubation vermeiden — aber nur bei erhaltenem Schluck- und Hustenstoß. Bei Sekretverhalt, bulbärem Versagen oder Vigilanzminderung wird die NIV zur Gefahr; dann kontrolliert intubieren.

EskalationPlasmapherese/Immunadsorption oder IVIg (0,4 g/kg KG/Tag über 5 Tage) sind die tragenden Säulen; Apherese-Verfahren wirken meist rascher. Parallel Glukokortikoide, Infektfokus sanieren, langfristige Immuntherapie anpassen.

PyridostigminUnter Beatmung wird es häufig pausiert oder reduziert — die Bronchialsekretion sinkt und eine cholinerge Überdosierung wird sicher ausgeschlossen. Umstellung und Dosis immer ärztlich anordnen lassen.

Cave Steroidbeginn: Hochdosierte Glukokortikoide können in der ersten Woche eine passagere Verschlechterung bis zur Krise auslösen. Einleitung deshalb unter stationärer Überwachung, einschleichend oder unter Apherese-/IVIg-Schutz.
Myasthene vs. cholinerge Krise

Myasthene Krisezu wenig Wirkung an der Endplatte: Schwäche, normale bis weite Pupillen, Tachykardie, trockene Haut. Häufig — und der Regelfall.

Cholinerge KriseÜberdosierung von Acetylcholinesterase-Hemmern: Miosis, Hypersalivation, massive Bronchialsekretion, Bronchospasmus, Diarrhö, Erbrechen, Bradykardie, Schweiß, Faszikulationen und Muskelkrämpfe. Heute selten.

  • Merkhilfe der cholinergen Symptome: Salivation · Lacrimation · Urination · Diarrhoea · Gastrointestinale Krämpfe · Emesis. Zeichen der muskarinergen Überstimulation, hier durch zu viel Acetylcholinesterase-Hemmer. Zusammen mit Miosis, Bradykardie und Faszikulationen der Hinweis auf eine cholinerge Krise.
Cave: Beide Krisen führen zu Schwäche und Atemversagen und sind klinisch nicht sicher zu trennen. Nie eigenmächtig die Pyridostigmin-Dosis erhöhen — im Zweifel Atemweg sichern und ärztlich neu bewerten lassen.
Medikamente, die eine Myasthenie verschlechtern

Vor jeder Neuanordnung gegenprüfen. Die Liste ist nicht vollständig; im Zweifel Apotheke oder Neurologie einbeziehen.

AntibiotikaAminoglykoside, Makrolide, Fluorchinolone, Ketolide (Telithromycin gilt als kontraindiziert), Polymyxine, Clindamycin.

Herz-KreislaufBetablocker (auch als Augentropfen), Verapamil-Typ-Kalziumantagonisten, Chinidin/Chinin, Procainamid.

Anästhesieextreme Empfindlichkeit gegenüber nicht-depolarisierenden Muskelrelaxanzien — Dosis deutlich reduzieren und relaxometrisch steuern. Auf Succinylcholin besteht umgekehrt eine relative Resistenz bei unvorhersehbarer Wirkdauer.

WeitereD-Penicillamin, Chloroquin/Hydroxychloroquin, Interferon-α, Checkpoint-Inhibitoren, hochdosierte Benzodiazepine und Opioide (Atemdepression), Statine (relativ), jodhaltige Kontrastmittel (relativ).

Klassische Intensivfalle: Magnesium intravenös blockiert die präsynaptische Acetylcholinfreisetzung und kann eine Krise auslösen — besondere Vorsicht bei Eklampsie-Therapie und beim Ausgleich einer Hypomagnesiämie.
Therapiestufen & Medikamente

Vier Ebenen, die parallel und nicht nacheinander laufen: symptomatisch, akut-immunmodulatorisch, langfristig immunsuppressiv und — bei Therapierefraktärität — zielgerichtet.

1
Symptomatisch · Acetylcholinesterase-Hemmer verbessert die Kraft, beeinflusst die Erkrankung nicht
  • Pyridostigmin oral — individuell sehr unterschiedlich verträglich, Spanne etwa 30 bis 450 mg/Tag.
  • Umrechnung oral auf parenteral: Pyridostigmin i.v. 30 : 1, ersatzweise Neostigmin i.v. 80 : 1.
  • Ab etwa 600 mg/Tag über mehrere Tage droht die cholinerge Krise.
  • Unter Beatmung Dosis reduzieren — hohe Dosen steigern die Bronchialsekretion und begünstigen eine beatmungsassoziierte Pneumonie.
2
Krise · Apherese oder IVIg gleichwertig — Auswahl nach Patientenfaktoren
  • IVIg 0,4 g/kg KG an fünf aufeinanderfolgenden Tagen, gesamt 2 g/kg. Vorab einmalig IgA im Serum bestimmen. Gegenanzeigen: IgA-Mangel, Nierenversagen, Hyperkoagulabilität.
  • Plasmapherese 5 bis 10 Zyklen bis zur Stabilisierung, Substitution mit Humanalbumin. Gegenanzeige: Sepsis. Cave Volumenbelastung und Blutungsneigung.
  • Immunadsorption als Alternative — höhere Austauschvolumina möglich. Gegenanzeige: ACE-Hemmer.
  • Glukokortikoide sind nicht Mittel der ersten Wahl, sondern werden parallel zu IVIg oder Apherese begonnen — Start z. B. 1 mg/kg KG oder 100 mg.
3
Langzeit-Immunsuppression Wirkeintritt Wochen bis Monate — nichts für die Akutsituation
  • Steroide bleiben wirksamste Basis; oberhalb der Cushing-Schwelle von 7,5 mg oder bei unzureichender Remission wird eingespart.
  • Steroidsparend: Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Methotrexat, Ciclosporin, Tacrolimus.
  • Nach überstandener Krise neu bewerten — sofern ein akuter Infekt behandelt oder ausgeschlossen ist.
4
Zielgerichtet · therapierefraktäre generalisierte MG Antikörpertherapien — zunehmend auch auf der ICU anzutreffen
  • C5-Komplementinhibitoren: Eculizumab (seit 2017), Ravulizumab und Zilucoplan — zugelassen als Add-on bei AChR-Ak-positiver generalisierter MG.
  • FcRn-Antagonisten: Efgartigimod, Rozanolixizumab, Nipocalimab — senken das Gesamt-IgG und damit die pathogenen Antikörper.
  • Rituximab — besonders bei MuSK-positiver MG etabliert; Inebilizumab als weitere B-Zell-gerichtete Option.
  • CAR-T-Zell-Therapie befindet sich im Erprobungsstadium.
Cave vor C5-Inhibitoren: Die Komplementblockade erhöht das Risiko für Meningokokken-Infektionen erheblich. Impfstatus prüfen und dokumentieren; bei Fieber unter laufender Therapie sofort an eine invasive Meningokokken-Infektion denken.
ICU-Praxis · Umstellung, Sedierung, Antibiose

AChE-Hemmer parenteral umstellen

Bei Dysphagie oder Beatmung wird oral auf parenteral gewechselt, die Dosis richtet sich danach nach der Klinik.

Pyridostigmin oral
mg/Tag
Pyridostigmin i.v.
mg/Tag
Perfusor
10 mg / 50 ml
301
1444,81 ml/h
2167,21,5 ml/h
2889,62 ml/h
360122,5 ml/h
Wichtig für die Praxis: Intravenöses Pyridostigmin wird in Deutschland nicht mehr vertrieben — die Produktion wurde eingestellt. DGN und Deutsche Myasthenie Gesellschaft verweisen als einzige verfügbare i.v.-Alternative auf Neostigmin im Off-Label-Gebrauch. Die Tabelle oben bleibt als Umrechnungslogik nützlich, das Präparat ist es nicht.
Neostigmin i.v.Bolus 0,5 mg, danach Perfusor 0,15–0,3 mg/h, maximal 0,5 mg/h. In der Regel 8–12 mg/Tag nicht überschreiten. Umrechnungsfaktor oral Pyridostigmin auf i.v. Neostigmin etwa 80 : 1 — 320 mg/Tag oral entsprechen rund 4 mg/Tag, also etwa 0,167 mg/h. Beispielansatz: 5 ml (2,5 mg) auf 50 ml NaCl 0,9 % ergibt 0,05 mg/ml. Unter Neostigmin wurden vermehrt cholinerge Nebenwirkungen berichtet — nur unter Monitoring.
Sonde möglich?Dann kann Pyridostigmin als Saft 12 mg/ml über die Ernährungssonde gegeben werden — oft der einfachere Weg als die i.v.-Umstellung.

Sedierung, Analgesie, Relaxierung

bevorzugt
  • Propofol und andere kurz wirksame Sedativa
  • Remifentanil oder andere ultrakurz wirksame Opioide
  • nicht-depolarisierende Relaxanzien in reduzierter Dosis
  • Sugammadex vorhalten und Verfügbarkeit vorab prüfen
  • Delirprophylaxe: Tag-Nacht-Rhythmus, Melatonin, Mobilisation
  • bei Bedarf niedrigpotente Neuroleptika wie Pipamperon oder Melperon
vermeiden
  • Benzodiazepine — ausdrücklich zu meiden
  • lang wirksame Opioide in höherer Dosis
  • Relaxanzien in Standarddosis — extreme Empfindlichkeit
  • Magnesium i.v. in höherer Dosis
  • Makrolide, Gyrasehemmer, Tetrazykline, Aminoglykoside
  • Betablocker, Verapamil, Schleifendiuretika, Acetazolamid

Trigger suchen und behandeln

  • Notfalllabor mit Elektrolyten, Differenzialblutbild, CRP und PCT; mikrobiologisches Material asservieren.
  • Bei Infektkonstellation kalkulierte Antibiose — bevorzugt Cephalosporine der dritten Generation, weil sie die Myasthenie nicht verschlechtern.
  • Gesamte Vormedikation auf myasthenieverschlechternde Substanzen durchsehen.
  • ACE-Hemmer absetzen oder umstellen — sie sind Gegenanzeige für die Immunadsorption.

Zugänge und Atemweg

  • Mindestens zwei periphere Zugänge; ZVK-Indikation prüfen, bei absehbarer Apherese frühzeitig Shaldon-Katheter.
  • Magensonde anlegen, Thromboseprophylaxe, Oberkörper hoch, Sekret absaugen.
  • NIV ist erste Wahl bei Tachypnoe, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Hyperkapnie oder Hypoxämie trotz Sauerstoff.
  • Intubation bei NIV-Versagen, VC < 20 ml/kg, hoher Sekretlast, schwerer Dysphagie, Schock oder Sepsis — möglichst elektiv.
  • Bei absehbar prolongiertem Weaning frühzeitig Tracheotomie erwägen.
Am Bett · Pflegeschwerpunkte

TimingMahlzeiten und Mobilisation in das Wirkmaximum des Pyridostigmin legen (etwa 30–60 Minuten nach Gabe). Anordnungszeiten pünktlich einhalten — die Wirkdauer ist kurz.

Essen & Schluckenaufrechte Position, kleine Portionen, angedickte Flüssigkeit nach Logopädie-Vorgabe, Pausen einplanen. Kauschwäche gegen Ende der Mahlzeit ist ein Warnzeichen.

Belastung dosierenPflege in Etappen, ausreichende Erholungspausen — Erschöpfung ist Teil der Erkrankung, nicht mangelnde Mitarbeit.

BeobachtenSprechlänge pro Atemzug, Kopfheben, Ptosis im Tagesverlauf, Hustenkraft, Sekretmenge. Verschlechterung am Abend ist typisch — Nachtschicht besonders aufmerksam.

Gemeinsamer Nenner: Beide Krankheitsbilder ermüden die Atempumpe, während Lunge und Gasaustausch zunächst gesund sind. Deshalb ist die Klinik das Monitoring — Sprechlänge, Hustenstoß, Kopfheben, Atemmuster — und nicht die Sättigung.
Quellen & Leitlinien: Referenzen · Autoimmunerkrankungen.
EpilepsieAnfallsformen · Phasen · Status epilepticus

Ein epileptischer Anfall ist die vorübergehende Folge abnorm synchroner Entladungen von Nervenzellen. Epilepsie ist die zugrunde liegende Erkrankung — nicht jeder Anfall bedeutet Epilepsie.

◉ Grundlagen, Anfallsformen & Notfall
Was die Erkrankung ausmacht
Prävalenz ca. 0,5–1 %Lebenszeitrisiko Anfall ca. 10 %Anfall ≠ Epilepsie

Nach der Definition der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) liegt eine Epilepsie vor, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:

  • mindestens zwei unprovozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden,
  • ein unprovozierter Anfall plus ein Rezidivrisiko von mindestens 60 % über die nächsten zehn Jahre (z. B. bei struktureller Läsion),
  • oder die Diagnose eines definierten Epilepsiesyndroms.

Akut symptomatisch oder Epilepsie?

Ein akut symptomatischer Anfall (Gelegenheitsanfall) tritt in engem zeitlichem Zusammenhang mit einer akuten Ursache auf und begründet für sich genommen keine Epilepsie. Auf der Intensivstation sind das die häufigsten Anfälle überhaupt:

HypoglykämieHypo-/HypernatriämieHypokalzämieUrämie AlkoholentzugBenzodiazepin-/OpioidentzugIntoxikation Schädel-Hirn-TraumaSchlaganfall & BlutungSinusvenenthrombose Meningitis / EnzephalitisSepsisEklampsie — Auftreten generalisierter Krämpfe bei einer Präeklampsie (Schwangerschaftshypertonie mit Organbeteiligung). Therapie der Wahl ist Magnesiumsulfat, nicht das übliche Status-Stufenschema.PRES = Posteriores reversibles Enzephalopathie-Syndrom. Meist okzipital betontes vasogenes Hirnödem bei Blutdruckentgleisung, Eklampsie, Sepsis oder unter Immunsuppressiva. Klinik: Anfälle, Kopfschmerz, Sehstörungen, Vigilanzminderung — bei rechtzeitiger Behandlung rückbildungsfähig.Hypoxie nach Reanimation

Deshalb gehören Blutzucker, Natrium, Kalzium, Magnesium und die Medikamentenanamnese zu jedem erstmaligen Anfall — noch vor der Frage nach einer Epilepsie.

Ätiologie-Gruppen (ILAE)

strukturell · genetisch · infektiös · metabolisch · immunvermittelt · unbekannt. Mehrere Gruppen können gleichzeitig zutreffen.

Wichtig für die Intensivstation: Ein länger anhaltend bewusstseinsgetrübter Patient nach einem Anfall ist nicht automatisch „nur postiktal“. Hält die Vigilanzminderung über 30–60 Minuten an, muss an einen nichtkonvulsiven Status gedacht und ein EEG veranlasst werden.
Anfallsformen · Klassifikation

Die ILAE-Klassifikation (2017, überarbeitet 2025) ordnet jeden Anfall zuerst nach dem Beginn ein. Der zweite Schritt ist das Bewusstsein, der dritte die Semiologie — also das, was tatsächlich zu sehen ist.

Fokal 1 Hemisphäre
Bewusstsein (Klassifikator)
bewusst erlebtmit Bewusstseinsstörung
motorisch
Automatismentonischklonischmyoklonischatonischhyperkinetisch
nicht-motorisch
autonomInnehaltenkognitivemotionalsensorisch
Ausbreitung
fokal zu bilateral tonisch-klonisch
Generalisiert beide Hemisphären
motorisch
tonisch-klonischtonischklonischmyoklonischmyoklonisch-tonisch-klonischmyoklonisch-atonischatonischepileptische Spasmen
Absence — generalisierter Anfall mit plötzlichem, kurzem Bewusstseinsverlust (meist 5–15 Sekunden) ohne Sturz. Der Patient hält inne, starrt, reagiert nicht und setzt danach übergangslos fort — ohne Erinnerung an die Lücke und ohne postiktale Phase. Leichte Lidmyoklonien oder Automatismen sind möglich.
typischatypischmyoklonischLidmyoklonien mit Absence
Merkmal
Bewusstsein per Definition beeinträchtigt
Unbekannter Beginn unklar
eingeordnet nach
mit beobachtbaren Manifestationenohne beobachtbare Manifestationen
typisch
unbeobachteter AnfallAnfall aus dem Schlaf
Was 2025 neu ist Update
QuelleILAE · Updated classification of epileptic seizures, Epilepsia 2025 — baut auf der Klassifikation von 2017 auf. Referenzen · Neuro ICU
Änderungen
21 definierte AnfallstypenKlassifikatoren vs. Deskriptoren getrenntchronologische Semiologie statt nur ErstsymptomBasisversion: beobachtbar statt motorischepileptischer negativer Myoklonus neuSpasmen nur generalisiert eigener Typ
unverändert
vier HauptklassenBewusstsein über Awareness + Responsiveness

Vier Hauptklassen: fokal · generalisiert · unbekannt, ob fokal oder generalisiert · unklassifiziert. Status epilepticus, neonatale Anfälle und nicht-epileptische Anfälle werden bewusst getrennt behandelt.

Was am Bett wirklich dokumentiert wird

  • Uhrzeit Beginn und Ende — die Dauer ist die wichtigste Einzelinformation.
  • Erstes Symptom und Seitenbetonung: Kopf- oder Blickwendung, Zuckung eines Arms, Aura-Beschreibung.
  • Bewusstsein: reagiert auf Ansprache? Erinnert sich der Patient hinterher?
  • Automatismen (Schmatzen, Nästeln), Augen offen oder geschlossen, Pupillen.
  • Zungenbiss (lateral spricht für epileptisch), Einnässen, Sturzverletzung.
  • Postiktal: Reorientierungsdauer, Halbseitenschwäche, Sprachstörung.
Abgrenzung: Bei psychogenen nicht-epileptischen Anfällen sind die Augen typischerweise fest geschlossen, die Motorik ist asynchron und wechselnd, die Dauer oft länger, ein lateraler Zungenbiss fehlt meist. Die sichere Unterscheidung gelingt nur im EEG — und die Verdachtsäußerung gehört nicht ans Patientenbett.
Phasen eines Anfalls

Ein generalisierter tonisch-klonischer Anfall dauert typischerweise 1–2 Minuten. Was danach kommt, dauert deutlich länger — und wird am häufigsten fehlgedeutet.

1 · ProdromalphaseStunden bis Tage
Unspezifische Vorboten: Reizbarkeit, Kopfschmerz, Schlafstörung, innere Unruhe. Kein Teil des Anfalls selbst — manche Patienten kennen ihr Muster sehr genau und melden sich vorab.
2 · AuraSekunden bis 1 Minute
Aufsteigendes Magengefühl, Gerüche, Déjà-vu, Angst, Kribbeln, Lichtblitze. Die Aura ist bereits ein fokaler Anfall mit erhaltenem Bewusstsein — sie zeigt an, wo der Anfall beginnt, und ist die letzte Chance zum Schutz vor Sturz.
3 · Iktus · tonische Phase10–30 Sekunden
Bewusstseinsverlust, Sturz, generalisierte Muskelanspannung, oft Initialschrei durch Exspiration gegen die verschlossene Glottis. Apnoe und Zyanose sind in dieser Phase normal, Speichel sammelt sich, lateraler Zungenbiss entsteht meist hier.
4 · Iktus · klonische Phase30–60 Sekunden
Rhythmische, zum Ende hin langsamer werdende Zuckungen beider Körperhälften, Speichelaustritt, ggf. Einnässen. Tachykardie und Blutdruckanstieg. Zeit stoppen — ab 5 Minuten gilt der Anfall als Status.
5 · Postiktale PhaseMinuten bis Stunden
Tiefe Erschlaffung, schnarchende Atmung, Terminalschlaf, allmähliche Reorientierung, Verwirrtheit, Kopfschmerz, Muskelkater. Eine Todd-Parese (postiktale Halbseitenschwäche) kann bis zu 48 Stunden anhalten und einen Schlaganfall imitieren. Laktat und CK sind häufig erhöht.
6 · Interiktale Phaseanfallsfreies Intervall
Klinisch unauffällig; im EEG können weiterhin epilepsietypische Potenziale nachweisbar sein. Zeitfenster für Ursachensuche, Medikamentenspiegel und Anfallskalender.

Was in der Anfallssituation zu tun ist

  • Uhrzeit merken und Anfall beobachten — nicht festhalten, nicht unterbrechen wollen.
  • Kopf polstern, gefährdende Gegenstände entfernen, Bettgitter gepolstert, Platz schaffen.
  • Nichts in den Mund einführen — weder Beisskeil noch Finger noch Absaugkatheter während der Kloni.
  • Sauerstoff anbieten, Monitoring anschließen, Blutzucker messen, i.v.-Zugang sichern.
  • Nach Anfallsende: stabile Seitenlage, Atemweg freimachen, absaugen, Vitalzeichen, neurologischer Status.
  • Verletzungen suchen: Zungenbiss, Schulterluxation, Sturzfolgen, bei Beatmeten Tubuslage prüfen.
  • Bei Alkoholverdacht Thiamin vor Glukose geben.
Status epilepticus · Stufentherapie
t1 = 5 Minuten → behandelnt2 = 30 Minuten → SchädigungLetalität 10–20 %

Definition: ein Anfall, der länger als 5 Minuten anhält, oder zwei und mehr Anfälle über mehr als 5 Minuten ohne zwischenzeitliche Wiedererlangung des Ausgangszustands. Ab etwa 30 Minuten drohen bleibende neuronale Schäden — die Zeit ist der wichtigste beeinflussbare Faktor.

1
Initialtherapie · Benzodiazepin ab Minute 5 · ausreichend hoch dosieren
  • Lorazepam 0,1 mg/kg KG, max. 4 mg pro Bolus, ggf. einmal wiederholen
  • Clonazepam 0,015 mg/kg KG, max. 1 mg pro Bolus
  • Midazolam 0,2 mg/kg KG, max. 10 mg — i.v., i.m. oder intranasal
  • Diazepam 0,15–0,2 mg/kg KG, max. 10 mg pro Bolus
2
Benzodiazepin-refraktärer Status gleichwertige Optionen · jeweils über mehr als 10 Minuten
  • Levetiracetam 60 mg/kg KG, max. 4500 mg
  • Valproat 40 mg/kg KG, max. 3000 mg
  • Fosphenytoin 20 mg/kg KG Phänytoinäquivalente, max. 1500 mg
  • Zuvor prüfen: war die Benzodiazepin-Dosis ausreichend? Unterdosierung ist der häufigste Fehler — ggf. erneut Benzodiazepin geben.
3
Refraktärer Status · Narkose Intubation · kontinuierliches EEG
  • Propofol und/oder Midazolam als kontinuierliche Narkose, allein oder kombiniert
  • Steuerung nach EEG bis zur Anfallsfreiheit, ggf. Burst-Suppression
  • Kreislauf sichern — Vasopressoren fast immer erforderlich
4
Super-refraktärer Status Persistenz oder Rezidiv trotz ≥ 24 h Narkose
  • Ketamin intravenös, Thiopental, in Einzelfällen inhalatives Isofluran
  • Ätiologie neu aufrollen: Autoimmunenzephalitis, Infektion, metabolisch, genetisch
  • Ergänzend je nach Ursache Immuntherapie, ketogene Diät, Hypothermie

Parallel zur Stufentherapie

  • Atemweg, Sauerstoff, Monitoring, zwei Zugänge — die Stufen 1 und 2 laufen zeitgleich mit dem ABCDE.
  • Blutzucker sofort; Natrium, Kalzium, Magnesium, Nierenwerte, Blutbild, CRP, Blutgase, Laktat, Medikamentenspiegel, Toxikologie.
  • Bildgebung: CCT beim erstmaligen Status, MRT wenn möglich. Liquorpunktion bei Fieber oder unklarer Ätiologie.
  • An Infektion als Begleiterkrankung denken — Pneumonie ist häufig; Entzündungswerte im Verlauf kontrollieren.
  • Bei Eklampsie ist Magnesium die Therapie der Wahl, nicht das Standard-Stufenschema.
Leitlinienstand: Die zugrunde liegende DGN-S2k-Leitlinie „Status epilepticus im Erwachsenenalter“ (030/079, Stand 06/2020) ist seit dem 29.06.2025 formal abgelaufen und wird fortgeschrieben. Das vierstufige Vorgehen bleibt bis zur Neufassung die gebräuchliche Grundlage — maßgeblich ist der Hausstandard. Siehe Referenzen · Epilepsie.
Nichtkonvulsiver Status (NCSE): Kein Schütteln, keine Kloni — nur anhaltende Bewusstseinstrübung, Verwirrtheit, Blickdeviation, subtile Lidmyoklonien oder Automatismen. Nach jedem konvulsiven Status, der klinisch endet, aber ohne Aufklaren bleibt: EEG anfordern. Der NCSE wird regelmäßig übersehen.
Nach dem Status · Erhaltung, Sonderfälle, Interaktionen

Der Status endet nicht mit dem letzten Bolus. Auf der Intensivstation entscheiden danach drei Fragen: Womit wird weiterbehandelt, welche Ursache verlangt ein anderes Vorgehen, und welche Interaktion macht die Therapie unwirksam?

Erhaltungstherapie nach der Aufsättigung

Nach der Aufsättigungsdosis wird dieselbe Substanz als Erhaltungstherapie fortgeführt — intravenös, bis eine enterale Gabe sicher möglich ist.

Levetiracetamdas Arbeitspferd auf der ICU: kaum Interaktionen, keine Spiegelbestimmung nötig, gut steuerbar. Nierenadaptiert dosieren. Nebenwirkung: Verhaltensänderung, Reizbarkeit, Beitrag zum Delir.
Lacosamidgute i.v.-Alternative mit wenig Interaktionen. Cave PQ-Verlängerung — bei AV-Block oder unter anderen PQ-verlängernden Substanzen EKG kontrollieren.
Valproatrasch aufsättigbar. Cave Leberfunktion, hyperammonämische Enzephalopathie (bei unklarer Vigilanzminderung Ammoniak bestimmen), Thrombozytopenie. Bei Frauen im gebärfähigen Alter nur nach strenger Abwägung.
Phenytoinnur über sicheren, großlumigen Zugang und unter EKG-Monitoring. Cave Bradykardie und Hypotonie bei zu schneller Gabe, Paravasat mit Gewebsnekrose (Purple-Glove-Syndrom), starke Enzyminduktion, Spiegelkontrolle erforderlich. Fosphenytoin ist besser verträglich.

Wenn das Standardschema falsch ist

UrsacheRichtige Behandlung
EklampsieMagnesiumsulfat — nicht das Status-Stufenschema
AlkoholentzugBenzodiazepine — klassische Antiepileptika wirken hier nicht; zusätzlich Thiamin
HypoglykämieGlukose — bei Alkoholverdacht Thiamin zuerst
Hyponatriämiekontrollierter, langsamer Natriumausgleich
Isoniazid-IntoxikationPyridoxin (Vitamin B6) als Antidot
PRESBlutdruck senken, auslösende Substanz absetzen
Meningitis / Enzephalitiskalkulierte antiinfektiöse Therapie ohne Verzögerung

Interaktionen, die auf der ICU wirklich vorkommen

Valproat und Meropenem: Carbapeneme senken den Valproat-Spiegel innerhalb von ein bis zwei Tagen drastisch und können Anfälle auslösen. Die Kombination ist zu vermeiden — entweder ein anderes Antibiotikum oder ein anderes Antiepileptikum wählen. Ein Hochdosieren von Valproat gleicht den Effekt nicht aus.
  • Phenytoin und Carbamazepin sind starke Enzyminduktoren — sie senken die Spiegel vieler Antibiotika, Antikoagulanzien und Immunsuppressiva.
  • Nierenersatzverfahren entfernen Levetiracetam relevant — Dosisanpassung und Gabe nach der Dialyse abstimmen.
  • Hypalbuminämie verfälscht den Phenytoin-Gesamtspiegel nach unten; wenn möglich freien Spiegel bestimmen.

Anfallsprophylaxe bei Blutung — die häufigste Fehlannahme

Intrazerebrale Blutung
  • Keine routinemäßige Primärprophylaxe mit Antiepileptika.
  • Das Risiko für Frühanfälle ist mit etwa 10–16 % niedrig, ein Nutzen für das Langzeitergebnis ist nicht belegt.
  • Behandelt wird der aufgetretene Anfall — nicht die Angst davor.
Subarachnoidalblutung
  • Eine primärprophylaktische Gabe kann in der Akutphase erwogen werden.
  • Sie soll aber nicht längerfristig fortgeführt werden.
  • Davon unabhängig: Nimodipin 60 mg alle 4 Stunden oral über 3 Wochen als gesicherte Prophylaxe verzögerter Ischämien.
Dosierungen sind Richtwerte. Verbindlich sind die ärztliche Anordnung und die hausinterne SOP. Antiepileptika werden praktisch immer nierenadaptiert dosiert — bei Nierenersatzverfahren immer rückfragen.
Merke: Beim Anfall zählt die Uhr, beim Status die Dosis. Beides sind pflegerisch beeinflussbare Größen — Zeitpunkt dokumentieren und auf vollständige Bolusgaben bestehen.
Quellen & Leitlinien: Referenzen · Epilepsie.
Stufe 1 Benzodiazepin Stufe 2 Antiepileptikum i.v. Stufe 3 Narkose Stufe 4 super-refraktär
Neurochirurgie (NCH) & Hirndruck-ManagementEVD · ICP · CPP · Kapnometrie · Osmotherapie · Hemikraniektomie

Der neurochirurgische Intensivpatient (nach Blutung, Trauma, Tumor oder raumforderndem Infarkt) wird nicht über einen Einzelwert, sondern über das Zusammenspiel von Hirndruck (ICP), Perfusionsdruck (CPP), CO₂ und Blutdruck gesteuert. Ziel ist immer dasselbe: ausreichende Hirndurchblutung sichern und eine Einklemmung verhindern. Die folgenden Punkte erklären die Werte, ihre Definition und worauf pflegerisch auf der ICU zu achten ist. Verbindlich bleiben ärztliche Anordnung, Zentrums-/Hausstandard und die Gerätevorgaben.

Zielwerte · Monitor-Blick
ICP< 20mmHg
CPP60–70mmHg
PaCO₂35–45mmHg
Serum-Na⁺155–160mmol/l
Richtwerte — individuell nach ärztlicher Anordnung & Zentrumsstandard
📊 ICP-Einstufung · ab wann welcher Schweregrad
5–15NormbereichErwachsene, liegend · Reserve intakt.
16–20Grenzwertig · obere NormBeobachten, Trigger vermeiden. Klassische Hypertonie-Schwelle bei 20 mmHg.
21–25Erhöht · InterventionsschwelleBehandeln (DGN >20–22; BTF >22 mmHg) — Stufentherapie beginnen.
26–40Schwer erhöhtAggressive Therapie; Dekompression erwägen bei Refraktärität >25 mmHg (RESCUEicp).
> 40Kritisch · HerniationsgefahrNotfall — sofortige ärztliche Eskalation.
Richtwerte in mmHg. Entscheidend sind Trend, Klinik & CT — nicht ein Einzelwert.
🧮 Formeln · so werden die Werte ermittelt
ICPgemessen — nicht berechnetDirekt über die EVD (Ventrikelkatheter) oder eine Parenchym-/Bolt-Sonde. Norm 5–15 mmHg.
MAP(RRsys + 2 × RRdia) ÷ 3Arterieller Mitteldruck. Invasiv wird der MAP direkt am Arterienkatheter angezeigt.
CPPMAP − ICPZerebraler Perfusionsdruck. Ziel 60–70 mmHg. Beispiel: MAP 85 − ICP 15 = CPP 70.
PaCO₂gemessen (arterielle BGA)Ziel strikt 35–45 mmHg; etCO₂ nur als Trend, verbindlich bleibt die BGA.
Na⁺Laborwert (BGA/Labor)Zielkorridor unter Osmotherapie 155–160 mmol/l — engmaschig kontrollieren.
Nullpunkt für ICP & CPP: Foramen Monroi (Tragus). Formeln sind Richtwerte — Werte immer mit Klinik & CT lesen.
Grundlagen & Zielgrößen
Monro-Kellie-Doktrin & GrundprinzipWarum kleine Volumina den Druck sprengen 3 Räume

Der knöcherne Schädel ist ein starres, geschlossenes Gefäß mit drei Kompartimenten: Hirngewebe (~80 %), Blut (~10 %) und Liquor (~10 %). Nimmt eines zu (Ödem, Blutung, Tumor, Hydrozephalus), muss ein anderes weichen — sonst steigt der Druck.

  • Kompensation zuerst: Liquor wird nach spinal verschoben, venöses Blut ausgepresst. Solange dies gelingt, bleibt der ICP fast normal.
  • Dann Dekompensation: Ist die Reserve erschöpft, führt schon ein kleines Zusatzvolumen zu einem exponentiellen ICP-Anstieg (steiler Ast der Druck-Volumen-Kurve).
  • Konsequenz fürs Bett: Ein Patient kann lange „stabil" wirken und dann rasch kippen. Deshalb zählt der Trend, nicht der Einzelwert.
Merke: Jede Maßnahme der Hirndrucktherapie zielt darauf, eines der drei Volumina zu verkleinern — Liquor ableiten (EVD), Blutvolumen steuern (CO₂/Lagerung), Gewebswasser ziehen (Osmotherapie) oder Platz schaffen (Hemikraniektomie).
ICP · Intrakranieller DruckDefinition, Zielwerte, Messung, Überwachung 5–15 mmHg
  • Was ist der ICP? Druck innerhalb des Schädels (Hirngewebe + Blut + Liquor). Er bestimmt zusammen mit dem MAP, ob das Gehirn durchblutet wird.
  • Normwert & Grenzen: Normal ca. 5–15 mmHg. Behandlungsbedürftig sind persistierende Werte > 20–22 mmHg. Werte > 20 über längere Zeit gelten als prognostisch ungünstig.
  • Wie wird gemessen? Invasiv über EVD (Ventrikelkatheter, misst UND kann ableiten) oder über eine Parenchymsonde (misst nur, z. B. Hirnparenchym-/„Bolt"-Sonde). Nicht-invasiv nur orientierend (Klinik, Pupillen, Bildgebung).
  • Kurvenform: Die ICP-Kurve hat drei Zacken (P1 Perkussion, P2 Tidal, P3 Dikrotie). Ein P2 > P1 spricht für verminderte Compliance (erschöpfte Reserve) — Warnzeichen.

Worauf auf der ICU achten:

  • Trend statt Momentwert — anhaltender Anstieg, neue A-/B-Wellen (Plateauwellen) melden.
  • Trigger vermeiden/kurz halten: Husten, Pressen, Absaugen, Kopftieflage, abgeknickte Halsvenen, Fieber, Krampf, Hypoxie, Hyperkapnie, Schmerz/Untersedierung.
  • Nullpunkt & Kalibrierung der Sonde nach Vorgabe prüfen; Kurve muss plausibel pulsatil sein.
  • Immer im Verbund lesen: ICP nie isoliert — zusammen mit CPP, Pupillen, GCS/RASS und Bildgebung bewerten.
CAVE: Ein rasch steigender ICP mit sinkendem CPP, neuer Pupillendifferenz oder Vigilanzabfall ist ein Notfall (drohende Einklemmung) → sofort ärztliche Eskalation.
CPP · Zerebraler PerfusionsdruckCPP = MAP − ICP · Ziel 60–70 mmHg 60–70 mmHg

Der CPP ist der Netto-Druck, mit dem das Gehirn durchblutet wird. Er ergibt sich aus dem mittleren arteriellen Druck minus dem Hirndruck:

CPP = MAP − ICP · Zielbereich meist 60–70 mmHg (individuell nach Anordnung/Autoregulation). Zu niedrig → Ischämie; zu hoch (aggressiv angehoben) → Ödem/ARDS-Risiko.
  • Zwei Stellschrauben: CPP steigt, wenn der MAP steigt (Volumen/Katecholamine) oder der ICP fällt (Liquorableitung, Osmotherapie, Lagerung).
  • Transducer-Nullpunkt entscheidend: Der arterielle Druckabnehmer wird für die Hirnperfusion auf Höhe des Tragus / äußeren Gehörgangs (entspricht dem Foramen Monroi) genullt — nicht auf Herzhöhe. Falscher Nullpunkt = falscher CPP.
  • Hypotonie ist Gift: Schon kurze RR-Abfälle senken den CPP und schädigen das ohnehin bedrohte Gewebe (Penumbra).
CAVE: Bei liegender EVD wird der arterielle und der ICP-Nullpunkt auf dieselbe Referenz (Foramen Monroi / Tragus) bezogen. Kopfteil verstellt? → Beide Nullpunkte neu ausrichten, sonst stimmt der CPP nicht.
Ableitung, Beatmung & Kreislauf
Geräte & KatheterSonden & Drainagen am Kopf · Handling am Bett EVD · Sonde · LD

Der neurochirurgische Intensivpatient trägt oft mehrere invasive Sonden und Drainagen am Kopf — jede misst Druck/Sauerstoff, leitet Liquor ab oder beides. Für die Pflege zählen vier Fragen: Welches Gerät liegt? Was leistet es? Wo ist der Nullpunkt? Was ist bei Umlagern, Transport und Diskonnektion zu beachten? Verbindlich bleiben ärztliche Anordnung, Gerätevorgaben und Zentrums-/Hausstandard (SOP).

Zwei Nullpunkt-Welten unterscheiden: hydrostatisch (EVD & Lumbaldrainage — höhenabhängig, Tropfkammer auf Referenzhöhe) vs. elektronisch kalibriert (Parenchym-/ptiO₂-Sonde — höhenunabhängig, einmal vor Insertion genullt). Wer das verwechselt, misst falsch.

1 · EVD — Externe Ventrikeldrainage (misst UND leitet ab)

Katheter im Seitenventrikel, der nach außen in ein Auffangsystem abgeleitet wird. Er kann gleichzeitig den ICP messen und Liquor ableiten — deshalb der Standard bei Hydrozephalus, intraventrikulärer Blutung (IVH) und SAB.

  • Indikation: Hydrozephalus (z. B. bei IVH/SAB), ICP-Messung mit therapeutischer Ableitemöglichkeit, Entlastung bei raumforderndem Prozess.
  • Nullpunkt / Referenz: Tropfkammer wird auf Höhe Foramen Monroi (äußerer Gehörgang / Tragus) genullt. Die eingestellte Höhe (in cmH₂O bzw. mmHg) legt fest, ab welchem Druck Liquor abläuft.
  • Messen vs. Ableiten: Zum Messen wird das System kurz geschlossen (ableiten pausiert), zum Ableiten wieder geöffnet und auf die angeordnete Höhe gestellt — beides nach ärztlicher Vorgabe, nicht gleichzeitig.
  • Fördermenge & Aspekt: Menge, Farbe und Klarheit stündlich dokumentieren. Zunehmend blutig, trüb oder plötzlich viel/kein Abfluss → melden.
CAVE beim Umlagern/Transport: Vor jeder Kopf-/Lageänderung, Mobilisation und Transport die EVD abklemmen (nach SOP) — sonst droht Über- oder Unterdrainage. Danach Nullpunkt neu einstellen und wieder öffnen. Höhe niemals eigenmächtig verändern.
  • Überdrainage (zu tief hängend / offen beim Umlagern) → Unterdruck, Kollaps der Ventrikel, Einblutung, Kopfschmerz.
  • Unterdrainage (zu hoch / abgeklemmt vergessen / verstopft) → ICP steigt, Rückstau.
  • Infektion (Ventrikulitis): streng aseptisches Arbeiten, System-Diskonnektionen vermeiden, Fieber/Liquortrübung melden.

2 · Parenchymatöse ICP-Sonde („Bolt") (misst NUR)

Dünner Mikro-/Fiberoptik-Drucksensor, der direkt ins Hirnparenchym gelegt und über eine kleine Schädelschraube (den „Bolt") fixiert wird. Alternative zur EVD, wenn die Ventrikel schmal oder verlagert sind und keine Drainage möglich/nötig ist.

  • Indikation: reines ICP-Monitoring bei SHT oder raumforderndem Prozess ohne Ableitebedarf; wenn eine EVD anatomisch nicht platzierbar ist.
  • Nullpunkt: wird einmal vor der Insertion elektronisch genullt — danach höhenunabhängig. Kopfteil-Verstellen ändert den angezeigten ICP nicht (anders als bei der EVD).
  • Grenze: im Liegen nicht nachkalibrierbar. Ein langsamer Drift ist möglich — unplausible Werte immer gegen Klinik, Pupillen und Bildgebung prüfen und melden.
  • Pflege: Kabel und Steckverbindung sichern (zugentlasten), Austrittsstelle des Bolts aseptisch beobachten, Kurve muss pulsatil sein.

3 · Lumbaldrainage (LD) (spinale Liquorableitung)

Katheter im lumbalen Liquorraum, der Liquor nach außen ableitet (und den Druck messen kann). Wirkt nur bei freier Liquorpassage zwischen Ventrikeln und Spinalkanal.

  • Indikation: kommunizierender Hydrozephalus, Liquorfistel/-leck (z. B. nach Duraeröffnung, Rhino-/Otoliquorrhö), unterstützend im SAB-Management nach Zentrumsstandard.
  • Nullpunkt: Tropfkammer auf die angeordnete Referenzhöhe (nach SOP) — die Höhe steuert die Ablaufmenge, gleiche hydrostatische Logik wie bei der EVD.
CAVE — Kontraindikation: Bei nicht-kommunizierendem Hydrozephalus, raumforderndem Prozess oder erhöhtem ICP ist die LD gefährlich: Sog von unten kann eine Einklemmung auslösen. Überdrainage → Unterdruck-Kopfschmerz, subdurale Blutung. Streng nach angeordneter Höhe/Menge, vor Umlagern/Transport abklemmen.

4 · ptiO₂-Sonde (Hirngewebe-Oxygenierung, z. B. ptiO₂ (auch pbtO₂) = Sauerstoffpartialdruck im Hirngewebe, kontinuierlich über eine feine Sonde im Parenchym gemessen. Richtwert-Ziel meist > 20 mmHg; < 15–20 mmHg = Gewebshypoxie. Licox = verbreitetes Handelssystem (Integra) für die ptiO₂- und Temperaturmessung — der Name wird oft synonym gebraucht. Bolt-Sonde = die Sonde wird über eine kleine Schädelschraube (den „Bolt"/Bolzen) im Knochen fixiert; durch denselben Bolt lassen sich auch ICP- und ptiO₂-Sonden ins Parenchym führen. Diese Sonden messen nur — sie leiten keinen Liquor ab.) (misst Gewebe-O₂)

Misst den Sauerstoffpartialdruck im Hirngewebe (ptiO₂/pbtO₂), meist kombiniert mit der Gewebetemperatur und häufig über denselben Bolt wie die ICP-Sonde. Erkennt eine Minderoxygenierung des Gewebes, auch wenn ICP und CPP „normal" aussehen.

  • Richtwert: ptiO₂ meist > 20 mmHg angestrebt; Werte < 15–20 mmHg gelten als Hirngewebshypoxie → melden (hausabhängig).
  • Nutzen fürs Bett: Stellgrößen sind PaO₂, CPP/MAP, Hb und Beatmung — ein Abfall triggert die Ursachensuche, bevor sich der ICP verschlechtert.
  • Besonderheiten: nach Insertion Einlaufzeit (Werte anfangs unzuverlässig), MRT-Kompatibilität vor Transport prüfen, Stecker sichern.

Erweitertes Multimodal-Monitoring (in Zentren): zerebrale Mikrodialyse (Laktat/Pyruvat-Ratio, Glukose, Glutamat als Ischämiemarker) und die jugularvenöse Bulbusoxymetrie (SjvO₂). Für die Grundpflege stehen hier vor allem sicheres Katheter-/Steckerhandling, Aseptik und lückenlose Dokumentation im Vordergrund.

Gilt für alle Sonden & Drainagen: Aseptik — jede Diskonnektion ist ein Infektionsrisiko (Ventrikulitis/Meningitis): geschlossenes System, sterile Konnektion, Austrittsstellen kontrollieren, Fieber/Liquortrübung melden. Vor Lageänderung/Transport hydrostatische Drainagen (EVD/LD) abklemmen, Sonden-Stecker zugentlasten, danach Nullpunkte neu ausrichten und ärztliche Freigabe abwarten. Höhe/Einstellung nie eigenmächtig verändern.
Weiterlesen: Werte-Logik im Abschnitt ICP und CPP; Leitlinien & Quellen (DGN 030/105, DGNI, Brain Trauma Foundation) unter Referenzen.
Kapnometrie & BeatmungCO₂ steuert die Hirndurchblutung 35–45 mmHg

Das CO₂ ist der stärkste Regler der Hirndurchblutung: Es beeinflusst direkt die Weite der Hirngefäße und damit das intrakranielle Blutvolumen.

  • Hyperkapnie (CO₂ hoch) → Gefäße weit → mehr Blutvolumen → ICP steigt. Unbedingt vermeiden.
  • Hypokapnie (CO₂ tief) → Gefäße eng → weniger Durchblutung → ICP sinkt, aber Ischämiegefahr.
  • Ziel: strikte Normokapnie: PaCO₂ 35–45 mmHg. Kapnographie kontinuierlich; etCO₂ als Trend, verbindlich bleibt die arterielle BGA.
  • Hyperventilation nur als Notfall-Brücke: Kurzfristig moderate Hyperventilation (PaCO₂ 30–35 mmHg, nicht < 30) nur zur Überbrückung einer akuten ICP-Krise / beginnenden Einklemmung — nie als Dauertherapie.
  • Oxygenierung: Hochnormaler PaO₂ (ca. 75–95 mmHg); Hypoxie strikt vermeiden. SpO₂-Abfälle früh ansagen.
  • Beatmung & PEEP: Lungenprotektiv, aber sehr hoher PEEP kann den venösen Hirnabfluss behindern und den ICP anheben — Balance nach Anordnung.
Link: Mehr zu Modi, PEEP & Oxygenierung unter Beatmung; Ablauf der Atemwegssicherung unter Intubation.
BlutdruckmanagementZielkorridor hängt vom Krankheitsbild ab je Entität

Es gibt kein einheitliches RR-Ziel — es richtet sich nach Diagnose, Phase (vor/nach Rekanalisation bzw. Aneurysma-Ausschaltung) und CPP. Immer nach konkreter ärztlicher Anordnung; hier die typische Logik:

  • Ischämischer Schlaganfall (vor Rekanalisation): Eher permissive Hypertonie — kein aggressives Senken, um die Penumbra zu perfundieren. Nach Lyse/Thrombektomie gelten engere obere Grenzen (Blutungsschutz).
  • Intrazerebrale Blutung (ICB): Frühe, kontrollierte Senkung (Ziel meist systolisch < 140 mmHg) zur Begrenzung des Hämatomwachstums — ohne CPP zu gefährden.
  • Subarachnoidalblutung (SAB): Vor Aneurysma-Ausschaltung eher moderat halten (Rezidivblutung), danach in der Vasospasmusphase höhere Drücke zur Perfusion (früher „Triple-H", heute Euvolämie + induzierte Hypertonie).
  • SHT / erhöhter ICP: CPP-orientiert steuern: Hypotonie strikt vermeiden (Katecholamine/Volumen nach Anordnung), um CPP 60–70 mmHg zu halten.
CAVE: Blutdruck nie „nach Bauchgefühl" senken — bei Neuro-Patienten kann eine falsche Senkung ischämisch schaden. Zielkorridor, Substanz und Grenzen immer verordnet dokumentieren.
Medikamente & OsmotherapieWomit der ICP gesenkt und Perfusion gesichert wird Osmotherapie
  • Osmotherapie — Mannitol 20 %: Zieht osmotisch Wasser aus dem Hirngewebe. Bolusgabe bei ICP-Krise; Ziel-Serumosmolalität ca. 320–330 mOsmol/l. Nicht prophylaktisch. CAVE Diurese/Hypovolämie, Nierenfunktion, Rebound.
  • Osmotherapie — hypertone NaCl: 3 %/10 % (Perfusor oder Bolus), Ziel-Serumnatrium ca. 155–160 mmol/l. Wirkt auch bei „Mannitol-Versagern". CAVE zentrale Zugangswege, Na-Verlauf engmaschig.
  • Analgosedierung: Ausreichende Sedierung/Analgesie senkt Metabolismus und ICP, dämpft Husten/Pressen. Zu flach → ICP-Spitzen; zu tief → keine neurologische Beurteilung. Sedierungsziel dokumentieren.
  • Nimodipin (bei SAB): Zur Prophylaxe der verzögerten zerebralen Ischämie (Vasospasmus) nach aneurysmatischer SAB. CAVE Blutdruckabfall.
  • Katecholamine / Volumen: Zum Anheben von MAP/CPP (z. B. Noradrenalin). Euvolämie anstreben; Hypotonie und Hypovolämie vermeiden.
  • Antikonvulsiva: Bei Anfall/erhöhtem Risiko nach Anordnung — Krampf treibt ICP und O₂-Verbrauch. Nicht generell prophylaktisch.
  • Barbiturate (Ultima Ratio): Nur bei therapierefraktärer ICP-Krise / beginnender Herniation als Überbrückung. Nicht routinemäßig. Kreislaufdepression beachten.
Link: Konkrete Perfusor-Ansätze & Etiketten unter Perfusoren & Medikamente; Sedierungssteuerung unter Sedierung & Delir.
Eskalation
Hemikraniektomie & DekompressionWenn Platz geschaffen werden muss < 48 h

Die dekompressive Kraniektomie entfernt vorübergehend einen Teil der Schädeldecke, damit das geschwollene Hirn nach außen ausweichen kann statt einzuklemmen. Der Knochendeckel wird später (Kranioplastik) wieder eingesetzt.

  • Maligner Mediainfarkt: Frühe Hemikraniektomie (< 48 h) senkt die Mortalität deutlich (DESTINY/DECIMAL/HAMLET), oft aber mit bleibender Behinderung — Entscheidung individuell, meist jüngere Patienten.
  • Raumfordernder Kleinhirninfarkt/-blutung: Gefahr der Hirnstammkompression und des Hydrozephalus → oft osteoklastische Dekompression der hinteren Schädelgrube ± EVD.
  • Schweres SHT: Sekundäre Dekompression bei therapierefraktärem ICP > 25 mmHg (RESCUEicp): senkt Mortalität, Prognose individuell.
  • ICB: Hämatomevakuation je nach Lage/Größe; Kleinhirnblutung > 3 cm oder mit Hirnstammkompression → notfallmäßige Entlastung.

Pflege nach Dekompression:

  • Kein Druck auf das Trepanationsfeld — Lagerung so, dass die ungeschützte Seite (fehlender Knochen) frei bleibt; Kopfschutz/Helm nach Vorgabe bei Mobilisation.
  • Wunde/Deckel beobachten: Spannung, Vorwölbung (Hirnschwellung) vs. Einsinken; Nachblutung, Liquorkissen, Infektzeichen melden.
  • „Sinking-skin-flap"/Trephined-Syndrom: eingesunkener Hautlappen mit neurologischer Verschlechterung — dokumentieren und melden.
Einklemmung & Cushing-ReflexDie Zeichen, die sofort alarmieren müssen Notfall

Steigt der ICP über die Kompensation, wird Hirngewebe verschoben (Herniation) — ein akut lebensbedrohlicher Zustand. Der Körper versucht gegenzusteuern; daraus entstehen typische Warnzeichen.

Cushing-Trias (Zeichen der drohenden Einklemmung): arterielle Hypertonie mit großer Blutdruckamplitude · Bradykardie · unregelmäßige Atmung (z. B. Cheyne-Stokes). Ausdruck des Versuchs, die Hirnperfusion noch zu sichern — Spätzeichen!
  • Pupillen: neue Anisokorie, weite, lichtstarre Pupille (meist ipsilateral zur Läsion) → dringend.
  • Bewusstsein: rascher Vigilanzabfall, GCS-Sturz, neue Lateralisation.
  • Motorik: Streck-/Beugesynergismen, Verlust von Hirnstammreflexen (Husten/Würgen/Kornea).
Sofort handeln: Arzt/Stroke-/NCH-Team alarmieren, Oberkörper 30° & Kopf mittig, Oxygenierung/Normokapnie sichern, EVD-Status/Anordnung prüfen, Notfall-Osmotherapie & ggf. kurze Hyperventilation nach Anordnung vorbereiten, CCT organisieren.
Link: Grundlagen der Pupillen-/Hirnstammprüfung unter Untersuchung · Neurologie; Bewusstseinsskalen unter Scores & Skalen (GCS/RASS).
Praxis am Bett
Auf der ICU beachten · Neuro-BündelDie Basismaßnahmen, die den ICP niedrig halten 30° · neutral

Viele Punkte kosten nichts und wirken sofort — sie gehören zu jedem Neuro-Intensivpatienten:

  • Lagerung: Oberkörper ~30° hoch, Kopf in Neutral-/Mittelstellung; Halsvenen frei (keine engen Tubusbändchen/Halskrause) — fördert den venösen Hirnabfluss.
  • Normothermie: Fieber senkt die Toleranz und steigert den O₂-Verbrauch → aktiv behandeln (Ursache + Kühlung nach SOP).
  • Normoglykämie: Ziel ca. 110–160 mg/dl; Hypo- und Hyperglykämie vermeiden.
  • Natrium/Osmolarität: keine hypotonen Lösungen (verstärken Ödem); Na-Verlauf im Auge behalten (SIADH/CSW bei SAB).
  • Normokapnie & Oxygenierung halten (s. Kapnometrie), Hypoxie/Hyperkapnie vermeiden.
  • Trigger dämpfen: Absaugen kurz & nach Präoxygenierung, ausreichende Analgosedierung, Husten/Pressen/Krampf vermeiden.
  • Monitoring bündeln: ICP + CPP + Pupillen + GCS/RASS im Verlauf; ggf. PbtO₂/Neuromonitoring nach Zentrumsstandard.
  • Ableitungen sichern: EVD-Höhe/Status, Nullpunkt, Fördermenge — bei jeder Lageänderung überprüfen.
Grundregel: Der Feind heißt „sekundärer Hirnschaden". Alles, was Hypotonie, Hypoxie, Hyperkapnie, Fieber, Hypo-/Hyperglykämie oder ICP-Spitzen verhindert, schützt das Gehirn.
Verwandte Blutungsformen im Detail: Subarachnoidalblutung (SAB) · Intrazerebrale & intraventrikuläre Blutung (ICB/IVH) in der Kategorie „Gefäßterritorien / ICB / SAB". Quellen & Leitlinien: Referenzen · Neurochirurgie / Hirndruck.